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Artikel vom 21. 11. 2005

Das Gewissen kennt keinen Ruhestand

von Martin Stöhr


Rede zur Verleihung des Julius-Rumpf-Preises 2005 am 4. 11.2005 in Pirna

Die deutsche Geschichte ist reich an Aktionen der Militärcourage. Über Jahrhunderte rechnet sich Militärcourage für ihre Aktivisten und Mitläufer – im Gegensatz zur Zivilcourage. Von ihr haben andere etwas – z.B. Menschenwürde und Menschlichkeit. Militärcourage warf (ganz früher) Adelstitel ohne Verfallsdatum ab, bis heute bunte Orden, berufliche Aufstiege und für einige fette Kriegsgewinne. Deutschland gehört zur Spitzengruppe – wenn schon nicht im Fußball und in der Integration eingewanderter Schulkinder – dann doch beim Produzieren und Exportieren von Rüstungsgütern.

Für Militärcourage gibt es Aufmärsche und Volkstrauertage, Memoiren und Landserheftchen sowie Denkmäler allerorten und aller Stile. Ungezählte Menschen aber wurden zu Krüppeln, Witwen und Waisen. Traumata und Trauer verletzten viele für den Rest ihres Lebens. Trümmer und Friedhöfe nahmen enorm Ausmaße an. Millionen Menschen verschwanden spurlos – diffamiert, verschleppt, getötet. Das schreit nach Zivilcourage. Und die Aktion Zivilcourage hört diesen Ruf, weil es der Ruf von Menschen ist.

Ehe Dietrich Bonhoeffer, vor 60 Jahren im KZ ermordet, 1943 verhaftet wird, zieht er Bilanz: „Nach 10 Jahren“ 1933-1943. Er fragt, wieso es eigentlich in Deutschland so wenig Zivilcourage gebe, wenn auch viel „Tapferkeit und Aufopferung“ für falsche Ziele. Seine Antwort weist auf eine über Generationen anerzogene Unterordnung und Anpassung hin. Daraus erwachse entweder „verantwortungslose Skrupellosigkeit“, die macht, was verlangt wird, oder „selbstquälerische Skrupelhaftigkeit“, die sich vor einem verantwortlichen Tun drückt. Für ihn, wie für Martin Niemöller oder Julius Rumpf, setzt die Bindung an den Mann von Nazaret jene „freie, verantwortliche Tat“ frei, die mit anderen zusammen die kleinen Tapferkeiten des Alltags gegen die kleinen Feigheiten des Alltags ermöglichen. Er notiert für die Freunde im Widerstand noch etwas: Die wertvollste Lernerfahrung ihres nonkonformistischen Denkens und Handelns sei, „dass wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten…zu sehen gelernt haben“. Aktion Zivilcourage zeichnet sich nicht nur durch eine klare Sicht auf die Wirklichkeit aus, sondern auch durch eine Perspektive, die Ausgeschalteten, Verhöhnten und der Machtlosen nicht übersieht.

Aber da gibt es Leute mit einer anderen Perspektive: nationale Kameradschaften, völkische Parteien und rechte Jugendgruppen. Sie reden von der Ehre derer, die nach oben schielen, wo kommandiert und verführt wird. Sie schwärmen von der Freude, in einer Gruppe dabei zu sein, die angeblich sicher, todsicher weiß, wo’s langgeht, wer der Feind ist. Sie schwadronieren vom Abenteuer Krieg und seinen Helden, von der Notwendigkeit, das Vaterland „rein“ zu halten und gegen Feinde, die immer Fremde sind zu verteidigen. Sie werden wegdefiniert als die, die „nicht hierher, die nicht zu uns gehören“. Dann, so meint man, sind sie leichter auszuschalten.

Da malen die Rechten Feindbilder, alle im schmutzigen Braun gehalten. Sie säen Hass, grenzen aus, demütigen und schlagen Menschen nieder, die anders aussehen, anders essen, anders glauben, anders singen. Humanität, nötig wie die Luft zum Atmen, erstickt.

Nein, ich male nicht schwarz, wenn ich von den Braunen rede. Es gibt auch keine Wiederkehr einer braunen Diktatur, die wir einst hatten. Dank solcher Initiativen wie Aktion Zivilcourage sind einige Leute mehr aufgewacht als am Ende der Weimarer Republik – aber es sind noch immer zu wenig. Denn, neben den Geldwäschern gibt es hierzulande Geschichtswäscher. Sie waschen weiß, was braun ist und übersehen die Hintergrundmusik und Hintergrundhetze aggressiver Bands, Schreiber und Politiker. Die Weißwäscher verharmlosen, wenn sie sagen, dass Jugendliche immer mal wieder über die Stränge schlügen, das lege sich mit den Jahren. Sie mögen es einfältig und hassen das bunte, vielfältige Leben unterschiedlicher Lebensweisen, Völker und Kulturen. Sie vergiften das Zusammenleben mit den Minderheiten und bedrohen deren Leben.

Immer wieder laden sie zu ihren Märschen, zu ihren hasserfüllten Konzerten, zu ihren Kameradschaftstreffen. Sie wollen das Klima in den Schulen und auf den Strassen bestimmen, sie schüchtern ein, werben mit Lügen und Halbwahrheiten, verlangen „deutsche Arbeit nur für Deutsche“, tun so, als lägen ihnen das Elend der Arbeitslosen am Herzen. Sie zitieren sogar aus Spiegel, FAZ, Bild, Rheinischem Merkur und Superillu und manchem Politikermund jene Schlagworte, mit denen man Menschen wirklich erschlagen kann, Schlagworte wie die von „Tausendschaften“, die an unseren Ostgrenzen warten, um in unser schönes Land einzudringen, „Fluten von Ausländern“ bedrohten angeblich Europa, wir müssten „Dämme bauen“ gegen die „Überfremdungen“ unseres Volkes. Gescheite Köpfe reden vom „Boot, das voll“ sei, von „Kriminellen“ und „Fremdarbeitern“ die uns ausnutzten. Wer hierher komme, solle sich gefälligst anpassen an uns und unsere „deutsche Leitkultur“. Es ist erschreckend, wie dumm kluge Leute daherreden können.

Andere sagen: Endlich müssten wir doch einmal fragen dürfen: „Wen brauchen wir?“ und nicht „Wer braucht uns?“ Es gäbe nun einmal Millionen überflüssiger Menschen auf dem Globus. Was suchen die ausgerechnet bei uns? Europa baut sich als Festung gegen andere aus. Die Opfer ertrinken in demselben schönen Mittelmeer, für das wir, sind wir Touristen, unsere Grenzen absolut nicht dicht gemacht haben wollen. Sie sitzen, ohne strafrechtlich verurteilt zu sein und mit einer hohen Selbstmordrate – über hundert Tote - in Abschiebehaftanstalten und auf eben jenen Flughäfen versteckt, von wo aus wir unsere Urlaubsreisen starten.

„Die Anderen“ – sie werden zum Problem gemacht. Der türkische Einwanderer Elvent Aktoprak, seine Eltern waren von der deutschen Industrie angeworben und ins Land geholt, hält für sein neues Vaterland, schon in der Muttersprache seiner Kinder eine bittere Erfahrung fest:

Hände lernen
Das deutsche ABC
Lippen studieren
Deutsche Geschichte
Und heute
An die Hauswand gekritzelt
Lese ich Türken raus
Meine Abiturfrage hieß
Was
waren
die Ursachen des deutschen Faschismus?

Ja, was waren die Ursachen? Was sind heute die Ursachen von Menschenverachtung? Die Aktion Zivilcourage antwortet ebenso entschieden wie tapfer, ebenso kreativ wie hilfreich. Sie schlägt nicht zurück, wenn sie geschlagen wird, aber sie denkt zurück, was war und wofür sie nicht verantwortlich war. Aber sie will nicht, dass jener menschenverachtende Geist von rechts immer wieder reanimiert werden soll. Deswegen denkt sie nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorne. Sie tut das mit ihren zurecht so beliebten Musikveranstaltungen, mit ihrer Aufklärungsarbeit in Schulen und Seminaren, mit Plakaten und Publikationen, mit Beratungsarbeit und Notrufbereitschaft, mit ihren Reisen und Kooperationen über die Grenzen hinweg und nicht zuletzt mit ihren Reisen in die Vergangenheit der deutschen Vernichtungslager. Das sind keine rückwärtsgewandten Programme, sondern Erkundungen und Feldarbeit für unser heutiges Leben.

Die Opfer in der Vergangenheit haben ein Mitbestimmungsrecht, wie unsere Gegenwart heute menschlicher wird und wie eine Zukunft ohne Rassismus, ohne Nationalismus, ohne Gewalt zu lernen und zu bauen ist. Geld, Tourismus, Aktien, Informationen und die Wirtschaft der reichen Industrieländer sind globalisiert. Zivilcourage für mehr Menschlichkeit noch lange nicht. Aktion Zivilcourage fängt vor Ort und mit unseren Nachbarländern an.

Es darf sich an Unmenschlichkeit nicht wiederholen, was einst anscheinend so „normal“ wie „harmlos“ anfing: Mit Schweigen, wo protestiert werden muss. Mit Widerspruch, wenn die eigene Kultur, die eigene Nation, die eigene Hautfarbe höher bewertet wird als die anderer Menschen. Wenn Auschwitz gegen Dresden verrechnet werden soll. Dabei geht die Wahrheit verloren. Lange, bevor die Frauenkirche mitsamt der Stadt Dresden brannte, wurden Andersdenkende gehasst und ausgegrenzt. Mit Beifall oder unter Wegschauen eigentlich ganz netter Zeitgenossen wurden die Synagogen in unseren Dörfern und Städten angezündet.

In wenigen Tagen ist der 9. November. Davor schon verschwanden in aller Öffentlichkeit die Mitglieder der jüdischen Gemeinden oder der Roma und Sinti-Familien aus den Schulen, den Betrieben, den Ärzte- und Handwerkskammern, dem Sport- oder Gesangvereinen, dem Nachbarhaus. Der 9. November ist auch der Tag, an dem zum ersten Mal 1918 eine Parlamentarische Demokratie in Deutschland ausgerufen wurde. Sie starb an einem Mangel an Demokratinnen und Demokraten, die den Rechten das Feld überließen. Der 9. November ist auch der Tag des Mauerfalls, sie war nicht mehr zu halten, nachdem Solidarnosc in Polen und Gorbatschow in der Sowjetunion sowie zahllose Bürgerinitiativen in der DDR äußerst zivilcouragiert Verantwortung für eine humanere und gewaltfreiere Gesellschaft übernommen hatten.

Die Anfänge der Gewalt sind wie die Stricke des Todes klein. Sie werden aus dem weit verbreiteten Rohstoff Gleichgültigkeit gedreht. Wer wie Aktion Zivilcourage sowohl sein Wissen wie sein Gewissen nicht in den vorzeitigen Ruhestand schickt, sondern kritisch benutzt, lässt nicht einfach laufen, was ins Unglück läuft. Scheuklappen sind etwas für Pferde, die drohende Gefahren nicht sehen dürfen. Rosarote Brillen sind etwas für die, die die Wirklichkeit nicht sehen wollen, wie sie ist, die leugnen, dass in unserer Stadt, in unserem Dorf Schlimmes passieren kann. Es kann.

Wir ehren heute keine Helden. Der Julius-Rumpf-Preis der Martin-Niemöller-Stiftung will sehr bescheiden auf eine Gruppe von Menschen aufmerksam machen, die das Selbstverständliche tun. Zivilcourage ist jene Selbstverständlichkeit, die nicht nur selbst ein menschliches Gesicht zeigt, sondern auch das menschliche Gesicht bei jenen sieht, deren Würde und Leben bedroht werden. Solche Leute tun das, was unser Namensgeber Martin Niemöller z.B. am 17. Juni 1937 praktiziert. Er schreibt an den damaligen Reichsjustizminister Dr. Gürtner: „Das deutsche Volk meint, es wäre höchste Zeit, dass Unrecht - Unrecht, und Recht - Recht, dass Wahrheit - Wahrheit und Lüge - Lüge, dass Gewalt - Gewalt und Terror - Terror genannt werde.“ Dieser Brief führt wenige Tage später zu Niemöllers Verhaftung. Wir leben nicht in Niemöllers Zeiten. Aber wie damals ist es heute nötig gegen Lügen, Gewalt und Unrecht und für Wahrheit, Menschenwürde und Recht Musik zu machen, aufzuklären, aufzustehen und einzustehen. Von Aktion Zivilcourage ist da zu lernen. Ihr sagen wir Dank.

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