Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 8. 9. 2005

PEREMOHA heisst: Sieg.

Als nach Abzug der deutschen Truppen Überlebende aus den Wäldern, später auch ZwangsarbeiterInnen aus dem Reichsgebiet in ihre Heimat zurückkehrten, gab es Jadliwka nicht mehr. Die Besatzer hatten das Dorf niedergebrannt. Nur die Kirche war erhalten - sie hatte den Deutschen als Kommandantur gedient. Die Rückkehrer gruben sich Erdlöcher als Notunterkünfte und begannen, das Dorf wieder aufzubauen. Ihre neue alte Heimat nannten sie „Peremoha“.

Wer an einem warmen Sommertag nach Peremoha kommt, dem präsentiert sich auf den ersten Blick ein ukrainisches Dorf wie aus dem Bilderbuch. Die Lehmhäuser sind weiß getüncht, die blaue Holzkirche scheint aus einem Gemälde zu stammen, Hühner, Gänse und Enten paradieren über die ungepflasterten Wege. Erst auf den zweiten Blick wird die bittere Armut erkennbar, die sich hinter dem scheinbaren Idyll versteckt. Dem verrottenden Holzwerk der Häuser täte ein Farbanstrich gut - aber für solchen Luxus fehlt das Geld. Öffentliche Einrichtungen wie das ehemalige Kolchosgebäude, der Kindergarten und die frühere Dorfgaststätte stehen leer und verfallen.

Armut - nicht allein Folge der jahrzehntelangen Kommandowirtschaft, und auch nicht bloß Folge des Umbruchs nach Auflösung der UdSSR: zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche rund um Peremoha liegen brach, können nicht bewirtschaftet werden. Die Dorfbevölkerung betreibt Subsistenzwirtschaft auf niedrigstem Niveau, es geht ums nackte Überleben von einem Tag zum anderen.

Geschichte

Die allgemeine Armut ist auch Spätfolge des 2. Weltkriegs und des Ostfeldzugs von Nazi-Deutschland. Im Sommer 1941 fielen deutsche Truppen in der Ukraine ein. Die Deutschen wurden anfangs, besonders auf dem Land, herzlich bis überschwänglich begrüßt. Viele sahen in ihnen die Befreier vom Joch des Stalinismus.  So auch in Peremoha, damals noch Jadliwka, 50 Kilometer östlich von Kiew.

Doch die friedliche Phase währte nur kurz. Schon Anfang 1942 gab es in Jadliwka eine erste Razzia; 48 junge Leute wurden festgenommen und zur Zwangsarbeit nach Reichsdeutschland abtransportiert. Umgekehrt gab es im ganzen Land wachsenden Widerstand gegen die Besatzer; Partisanengruppen operierten aus den Wäldern heraus.  Zunehmend wurde der Druck des Besatzungsregimes gegen die Bevölkerung brutaler. Sowohl im alten Reichsgebiet wie auch in den besetzten Gebiet, wo namhafte Firmen wie Krupp, Holzmann, Bahlsen oder Henkel Niederlassungen gegründet hatten, wurden dringend Arbeitskräfte gebraucht; die Sklaven der Moderne wurden verschleiernd „Ostarbeiter“ genannt.

Hinzu kam, dass sich für Deutschland eine vernichtende Niederlage abzuzeichnen begann. Während die Schlacht um Stalingrad tobte, trieb am 19. Dezember 1942 eine Einsatzgruppe des SS-Sicherheitsdienstes  die Bevölkerung von Jadliwka zusammen. 29 Männer wurden vor den Augen ihrer Angehörigen erhängt. Das Standgericht beschuldigte sie, mit Partisanen zusammengearbeitet zu haben.

Ende August 1943, der Rückzug hatte längst begonnen, vollzogen die deutschen Truppen in Jadliwka einen weiteren „Führerbefehl“, nämlich den, hinter sich nur verbrannte Erde zurückzulassen. Arbeitsfähige Frauen und Männer, auch Kinder, wurden für den Transport Richtung Frankfurt/Oder zusammengetrieben. Insgesamt 1338 Einwohner wurden nach Deutschland verschleppt. Wer rechtzeitig in die Wälder fliehen konnte, durfte sich glücklich schätzen. Wer Widerstand leistete, bekam eine Strohgarbe in den Arm gelegt und wurde erschossen. Das Stroh wurde anschließend angezündet. Vier Tage lang wüteten die Brandstifter; danach gab es das Dorf nicht mehr, nur die Kirche stand noch

Jadliwka war eines von, nach aktuellem Forschungsstand, 337 Dörfern in der Ukraine, die dem Wüten der deutschen Besatzer zum Opfer fielen. Nach Ansicht der Kiewer Historikerin Marina Dubyk spiegelt sich in Jadliwka/Peremoha exemplarisch die Geschichte all dieser Dörfer wider, und zwar in dreifacher Hinsicht: als Geschichte der Partisanenbewegung, der Verschleppung zur Zwangsarbeit, und schließlich als eine nach 1945 offiziell „vergessene“ Geschichte.

Peremoha: man könnte es auch mit „Wir haben überwunden“ übersetzen. Zu überstehen war, nachdem die Deutschen abgezogen waren, zunächst der alltägliche Überlebenskampf. Die Heimkehrer fanden außer der Kirche nur noch Trümmer, ein paar Schornsteine, Lehmwände und verbrannte Erde vor. Sie lebten von Kräutern, Beeren und Gemüseresten, die sie in den verwüsteten Gärten vorfanden.  Aus dem Wald wurde Holz herangeschafft, aus dem man Hütten baute - ohne Transportmittel und ohne Werkzeug. Später erhielten dann Kriegsveteranen vom Staat Baumaterial zugeteilt. Die ehemaligen Zwangsarbeiter allerdings gingen leer aus. Nach offizieller Lesart hatten sie für den besiegten Feind gearbeitet.

Viele von ihnen überlebten die Torturen dieser Nachkriegszeit nicht. In Peremoha, das heute ca. 2.000 Einwohner hat, leben heute ca. 400 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Ihre Erinnerung an die Anfangsjahre ist trotz aller Entbehrungen ebenso positiv wie die Erinnerung der anderen Dorfbewohner, die daran mitgewirkt haben. Denn damals, sagen sie, blickten alle voller Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft.

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