Artikel vom 2. 8. 2005
In kleinen Schritten miteinander und aufeinander zu
Chronologie der Begegnung
Die Sommercamps sind zur festen Einrichtung geworden.
Seit Jahren werden die Kontakte zwischen Mitgliedern und Freunden der Niemöller-Stiftung und den Menschen aus Peremoha vertieft. Diese Begegnungen sind nicht immer einfach und nicht frei von Missverständnissen und Fehleinschätzungen. Umso wichtiger ist es, sie immer wieder zu suchen:
Im Oktober 1998 unternimmt eine Gruppe ehemaliger KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter aus Peremoha eine „Reise wider das Vergessen“ durch Deutschland. Zum ersten Mal erfährt eine größere Öffentlichkeit vom Schicksal Peremohas.
Im Oktober 1999 reist eine zehnköpfige Gruppe aus Deutschland in die Ukraine und führt in Kiew zahlreiche Gespräche, u.a. mit dem Verband ehemaliger Opfer des Nazismus, der Orthodoxen Kirche, dem Ukrainischen Stiftungsfonds und der Deutschen Botschaft. In Peremoha wird die Gruppe festlich empfangen. Die Mitglieder der Martin-Niemöller-Stiftung bringen eine Idee mit: ein leerstehendes Gebäude soll zum Begegnungszentrum umgebaut werden, zum „Haus für Peremoha“.
Im Sommer darauf findet das erste Workcamp statt, organisiert von der „Aktion Sühnezeichen“. Auch die Überlegungen für den Hausbau konkretisieren sich. Von Anfang an legt die deutsche Seite Wert darauf, dass Konzept und Realisierung im deutsch-ukrainischen Dialog zu erarbeiten sind, dass vor allem die Bewohner des Dorfes sich beteiligen und ihre Vorstellungen einbringen sollen.
Im März 2000 sind Stefan Müller (Vorstand), Otto Ritzel (Carolinenheim Apolda) und Claudia Sievers (Geschäftsführerin) Gäste einer Bürgerversammlung in Peremoha. Sie berichten über Grund und Motivation ihres Engagements und über die konkreten Pläne, bitten gleichzeitig um Anregungen und Zusammenarbeit.
Im Mai 2000 treffen sich Dorfbewohner, Fachleute und Mitglieder der Niemöller-Stiftung in der Jugendbegegnungsstätte Buchenwald, um ein Konzept für das „Haus für Peremoha“ zu erarbeiten. Architekturstudenten aus Kiew und Weimar werden die Entwürfe und Modelle anfertigen.
Im Sommer 2000 sind die Pläne der Kiewer Studenten fertig; gleichzeitig findet ein Workcamp der Niemöller-Stiftung statt. Die Pläne werden in Peremoha diskutiert. Im Dorf bildet sich eine Initiativgruppe; eine kleine Baubrigade wird gebildet, die vorläufige Sicherungsmaßnahmen am Gebäude vornimmt, um den weiteren Verfall zu verhindern.
Im Oktober 2000 besucht eine Gruppe der Deutschen Beamtenbund-Jugend Hessen Peremoha, im gleichen Monat werden die insgesamt sieben Umbau-Entwürfe in einer öffentlichen Sitzung des Gemeinderats vorgestellt und diskutiert.
Ein wichtiger Schwerpunkt des Projekts bleibt die Information über Zwangsarbeit und Entschädigungspraxis, Zeitzeugengespräche und konkrete Hilfe für die Betroffenen. Bei einer Versammlung in Peremoha im April 2001 spricht Martin Stöhr zu ehemaligen Zwangsarbeitern und Kriegsveteranen. Alle (an die 500) Zwangsarbeiter und Kriegsveteranen erhalten als Ostergruß ein Geldgeschenk.
Auf dem 29. Evangelischen Kirchentag in Frankfurt informiert die Martin-Niemöller-Stiftung über das Projekt Peremoha und hat dazu aus Kiew als Zeitzeugin Nadjeschda Mudrenok und die Historikerin Marina Dubyk eingeladen. Im Vorfeld finden Informationen, Diskussionen und Gespräche mit Jugendlichen statt. Im Mai 2002 besuchen auf Vermittlung der Niemöller-Stiftung dreizehn ehemalige Zwangsarbeiter aus Kiew und Peremoha im Rahmen des Schulprojekts „Spuren suchen – Brücken bauen“ die Stadt Wiesbaden und hinterlassen bei Schülern und Lehrern tiefe Eindrücke.
Die Jugendcamps werden zur festen Einrichtung und helfen - jenseits von offiziellen Besuchen und Gesprächen - die Fremdheit abzubauen; Freundschaften entstehen, die mehr als deklamatorischen Charakter haben. 2001 fördert die Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung ein Workcamp unter dem Motto „Gemeindemokratie im Aufbruch“. Der Versuch, als deutsch-ukrainische Jugendgruppe selbstorganisiert und gleichberechtigt zusammenzuarbeiten, gelingt nur ansatzweise. Die deutschen Jugendlichen fahren um viele Erfahrungen reicher zurück. Die meisten von ihnen wollen wiederkommen. Im Sommer 2002 fördert die Bosch-Stiftung das Projekt „Kleines Welttheater – Großes Dorftheater“. Künstler und Jugendliche aus Deutschland und der Ukraine erleben über kulturelle und Sprachgrenzen hinweg das Medium Theater als verbindende Kraft.
Beim Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin ist Vater Alexander Jarmoltschik, Pfarrer der orth. Kirchengemeinde Peremoha, als Referent und Gesprächspartner Gast der Martin-Niemöller-Stiftung. Im Sommer 2003 findet auf Initiative von Stefan Müller erstmals ein „ Seniorencamp“ statt. Angehörige der älteren Generation suchen Gespräche, pflegen Gräber und Gedenkstätten und begehen gemeinsam mit den Bewohnern den 60. Jahrestag der Zerstörung Peremohas. Im Sommer 2004 helfen Jugendliche aus Deutschland bei der einrichtung von Computern und im Krankenhaus. Im Herbst desselben Jahres erhält die Schule endlich eine neue Heizung, zum großen Teil finanziert von Spenden aus Deutschland. Für einen Umbau des leerstehenden Gebäudes dagegen engagieren sich immer weniger Dorfbewohner; kleine überschaubare Projekte scheinen ihnen wichtiger. In einem moderierten „Dorfgespräch“ sollen die Prioritäten geklärt werden und die zukünftigen Formen der Zusammenarbeit gemeinsam diskutiert werden.
Das Projekt Peremoha ist nicht nur inzwischen einer größeren Öffentlichkeit bekannt, es hat auch Gestalt angenommen und aktualisiert sich wie von selbst, wenn die Umstände es erfordern. Mit einer Geldspende aus Frankfurt beispielsweise wird für die Schule eine komplette Kinder- und Jugendbibliothek eingerichtet. Von der Berichterstattung über Peremoha nachdenklich gewordene Menschen spenden medizinische Geräte, Büromaterialien, Spielgeräte, oder wollen eine Nähstube und eine Schreinerei einrichten, um Arbeitsplätze am Ort zu schaffen. Kirchengemeinden, Schulen und andere Einrichtungen nehmen Kontakt auf, möchten Informationen und Erfahrungsberichte über Zwangsarbeit und die Folgen. Junge Leute drehen während des Sommer-Workcamps einen Film über Peremoha, mit dem sie zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen, aber auch kritische Fragen an das Projekt stellen.
Nicht nur in Peremoha, auch hier zu Lande ist etwas in Bewegung geraten.



Peremoha
Erinnerung
Julius-Rumpf-Stiftung



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