Das erste Workcamp der Niemöller-Stiftung im Sommer 2000
Dimitrij will ein neues Pferd haben. Dimitrij wurde 1945 in Deutschland geboren. Er ist doppelt beinamputiert. Nun sitzt er auf seinem flachen Panjewagen, der von einem müden alten Gaul gezogen wird, im Hof der Schule von Peremoha und fragt, ob wir ihm nicht ein neues Pferd schenken können.
Dass Dimitrij seinen Wunsch äußert, hat einen Grund: Die Deutschen sind da, das heißt, sie sind wieder da. Diesmal in Form einer Jugendgruppe aus Wiesbaden, Dresden und Chemnitz, die auf Einladung der Martin-Niemöller-Stiftung für zwei Wochen nach Peremoha gereist ist, um zusammen mit jungen Ukrainern am künftigen „Haus für Peremoha“ zu arbeiten.
„Ein kleiner Kulturschock war das schon“, meint die 22jährige Julia, die zum ersten Mal Osteuropa bereiste. Sie kam in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben schien: auf den sandigen Straßen Heuwagen, die von Pferden gezogen werden, Gänse und Enten, die sich in den Pfützen suhlen, barfüßige Kinder, Frauen, die sich am Brunnen das Wasser holen. Wüsste man nicht, dass im Dorf bitterste Armut herrscht, könnte man es fast idyllisch nennen.
Die gegenwärtige schwierige wirtschaftliche Situation, vor allem aber die bittere Vergangenheit haben in dem Dorf Spuren hinterlassen, die den jungen Deutschen viel abverlangt. Sie müssen sich in besonderer Weise einlassen auf das Dorf, auf seine Bewohner und ihre Geschichte. Das beginnt beim Besuch des kleinen Dorfmuseums. An der Wand ein Porträt Stalins und das Zitat: „Besser arbeiten – glücklicher leben“. Das Bild ist mit Stacheldraht dekoriert – als sarkastischer Kommentar. Auf dem Tisch dann eine liebevoll von Hand illustrierte Dorfchronik dieses Jahrhunderts: die Zwangskollektivierung und in ihrem Gefolge 1933 die große Hungersnot, der allein in diesem Dorf 800 Menschen zum Opfer fielen. Dann Terror, Mord und Zerstörung durch die Deutschen. Und nach dem Krieg wurden die zur Sklavenarbeit nach Deutschland Verschleppten für ihr Überleben bestraft, weil sie in Stalins Weltsicht als Kollaborateure galten. In einem Dorf mit dieser Geschichte ist es für die Jugendlichen aus Deutschland nicht möglich, sich auf die eigene Gruppe und auf die Arbeiten, die sie hier leisten wollen, zurückzuziehen. Zwangsläufig müssen sie sich auch mit dem auseinander setzen, was die Generation ihrer Großväter hier angerichtet hat. „Bei jedem Gang durchs Dorf kamen alte Leute auf uns zu und fingen an zu erzählen“ berichtet Claudia, die 26jährige Kinderkrankenschwester. „Ich konnte sie nicht verstehen, aber zwei Wörter waren immer deutlich herauszuhören: RABOTA (Arbeit) und GERMANI.“
Einfacher, aber auch schwieriger waren die Gespräche, bei denen übersetzt werden konnte. Diese Begegnungen gehörten nicht nur für Claudia zu den stärksten Eindrücken der Reise. „Es gibt praktisch kaum eine Familie im Dorf, die nicht in irgendeiner Weise von Terror und Zwangsarbeit betroffen war. Unsere Gruppe war im Schulgebäude untergebracht, das umgeben von Wiesen, mitten im Dorf liegt. Dieser Schulhof wurde während der zwei Wochen quasi zum Marktplatz. Als sich herumgesprochen hatte, dass die Deutschen da sind, kamen immer wieder Leute aus dem Dorf und brachten Obst, gebackene Teigtaschen oder Milch vorbei – und Geschichten.“ Katharina beispielsweise, eine Bäuerin mit zerfurchtem Gesicht, erzählt von ihrer Mutter. Die war 1943 hochschwanger, sie selbst war sechs Jahre. Um nicht deportiert zu werden, flehte die Mutter in ihrer Verzweiflung einen deutschen Soldaten an, sie beide zu erschießen. Er ließ sie laufen und sie versteckte sich bis zum Kriegsende mit ihren Kindern in umliegenden Wäldern. Dort sahen sie die Rauchsäulen des brennenden Dorfes... Katharina erzählt es mit Tränen in den Augen, aber ohne Vorwurf. Anna und Sergeij haben einige der jungen Leute zu sich nach Hause eingeladen. Anna holt mit einem langen Holzschieber den Topf mit den saftig dampfenden Kohlrouladen aus dem Kaminofen und bringt eine Portion davon ihrer bettlägerigen Mutter ins Nebenzimmer. Dann meint sie eher beiläufig, dass ihre Mutter in Hannover gewesen sei, „damals“. Mehr erzählt sie nicht, denn sie möchte den deutschen Gästen nicht zu nahe treten. Die 17jährige Miroslava hat sich der deutschen Gruppe angeschlossen. Sie stammt aus der Kreisstadt und verbringt ihre Ferien bei den Großeltern. Als Claudia sie dort abholt, erzählt die Oma, dass sie fünfzehn und ihr kleiner Bruder zwei Jahre alt waren, als sie mit ihrer Mutter nach Deutschland verschleppt wurden. Der Bruder überlebte nicht. An die stickige Luft im Güterwaggon nach Berlin kann sie sich noch gut erinnern. „Es war die einzige große Reise meines Lebens.“ Dann stellt sie Milch, eingelegte Gurken und Brot auf den Tisch. Peremoha ist voll von traurigen Geschichten.
Die konkreten Arbeiten stellen die Jugendlichen auf manch harte Geduldsprobe. Dass es so schwierig sein würde, Werkzeug und Material zu beschaffen, hatten sie nicht gedacht. Und haben sie dann endlich irgendwo noch eine Dose mit grüner Lackfarbe zum Fensterstreichen aufgetrieben, kann es passieren, dass man nach dem Öffnen feststellen muss, dass sie gelbe Farbe enthält. „Zwei Drittel der Zeit ging dafür drauf, irgendwo einen Pinsel, einen Spachtel, Farbe oder Kleister zu organisieren. Oder einen Eimer. Das ging ganz schön an die Nerven,“ meint Steve, 22jähriger Maschinenbaustudent aus Chemnitz. Und mit dem immer wieder gehörten Satz: „So ist das halt bei uns“, mag er sich nicht abfinden: „Man kann auch etwas ändern!“
Auch die geplante Mitarbeit von Jugendlichen aus Peremoha und Umgebung klappt nicht so, wie man es sich bei der Vorbereitung im Westen ausgemalt hatte. Was hier zu Lande unter dem Motto „Mit Kopf und Hand“ als neuester Hit der Reformpädagogik gefeiert wird, nämlich die Idee, dass junge Leute in der Schule nicht nur Wissen konsumieren, sondern mit eigener Hände Arbeit ihr Umfeld gestalten sollten, läuft dort ins Leere. Alle Kinder und Jugendlichen des Dorfes sind gewohnt, hart zu arbeiten: auf dem Feld, im Stall, im Garten, in der Küche. Sie müssen darüber hinaus den Schulgarten bestellen und die schuleigene Kuh versorgen, damit das tägliche Essen garantiert ist. Und für den Winter müssen sie Holz hacken und den Wald aufforsten, damit die Schule wenigsten auf 17 Grad geheizt werden kann, denn für Briketts ist kein Geld da. Dass sie vor diesem Hintergrund einem „Workcamp“ nun mal keinen übergroßen Erlebniswert abgewinnen können, wundert nicht. Umso erfreulicher, dass sich letztendlich doch noch über persönliche Kontakte einige Jugendliche freiwillig dazugesellen.
Zu einem fröhlichen Höhepunkt dagegen wird das Kinderfest, zu dem die Deutschen alle Kinder des Dorfes eingeladen haben. Seit ihrer Ankunft tummelten sich viele Kinder neugierig auf dem Schulhof, und es fiel schwer, sie nicht mit Schokolade und kleinen Geschenken zu erfreuen. „Wir wollten aber weder als Weihnachtsmänner auftreten, noch das Klischee von den ‚reichen Deutschen‘ und vom ‚Goldenen Westen‘ bedienen. Und wir wollten vor allem verhindern, dass nur einige etwas abbekommen und die anderen leer ausgehen. Deshalb haben wir alle Kinder zu einem Fest eingeladen und den Ablauf mit den Lehrerinnen abgestimmt,“ erklärt Frank. Die waren wiederum erstaunt, wie man mit wenig Material und mit Abfallprodukten, aber viel Fantasie Geschicklichkeits-, Wettspiele und Bastelarbeiten improvisieren kann. Die Deutschen (genauer: die Westdeutschen) dagegen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sich bei der Begrüßung die Kinder, wie von Zauberhand gelenkt, artig in Zweierreihen aufstellten...
Überhaupt – die Kinder. Schön sind die warmen Sommertage für sie, wenn sie am Brunnen fröhlich kreischend mit Wasser spritzen, wenn sie mit viel zu großen, rostigen Fahrrädern ihre Runden drehen. Oder wenn sie hoch oben auf dem Heuwagen liegen, auf Grashalmen kauen und in die Sonne blinzeln.. . Aber zu träumerischer Nostalgie besteht kein Anlass. Zur Kindheit gehören auch gute Bildungschancen. Die Niemöller-Stiftung hat Geld für die Schule mitgebracht. Im Winter hatten sich so viele Wiesbadener an einer Spendenaktion für Winterschuhe beteiligt, dass davon noch etwas übrig geblieben war. Davon soll nun die Schulausstattung verbessert werden. Als die Lehrerinnen ihre Wunschliste zusammenstellen, schweigen die Deutschen betreten: für jedes Kind der höheren Klassen ein eigenes Lineal aus Holz, und dann, erst auf Drängen: Wasserfarben, ein Farbkasten für je fünf Kinder („Die bleiben natürlich in der Schule“). Und „Knopki“, Reißzwecken, wären wichtig. Eingekauft und bestellt werden die Sachen bei einem Straßenhändler, ein früherer Werksdirektor. Als wir dann erfahren, dass es in der Schule kaum Bücher und Landkarten gibt, fahren wir nach Kiew und tätigen dort einen Großeinkauf. In den höheren Klassen können sich nun zwei Schüler je ein Schulbuch teilen, und endlich gibt es auch Englischbücher, Europa- und Weltkarten. Alles zusammen hat rund 800 DM gekostet.
Zurück zu Dimitrij und seinem Pferd. In Deutschland als Kind einer Zwangsarbeiterin geboren, Vater unbekannt: da ist die Versuchung groß, helfend einzugreifen, zumal es für uns kein Problem wäre, die umgerechnet 200 DM aufzutreiben. Aber die Martin-Niemöller-Stiftung hat eine Verantwortung für das ganze Dorf übernommen, nicht für Einzelpersonen, und das hat gute Gründe. Die Bevorzugung einzelner von außen kann Gift in funktionierende innere Strukturen träufeln. Wir holen uns Rat bei Vater Alexander, dem jungen orthodoxen Priester. Der winkt ab und meint: „Wenn Dimitrij ein neues Pferd braucht, dann kriegt er das auch. Das regeln wir selbst." Unter dem äußeren Anschein der Lethargie scheinen in Peremoha doch noch andere Kräfte zu wirken, für Fremde nicht sofort erkennbar. Wie sonst auch hätte dieses Dorf bis heute überleben können?
Was bleibt als Bilanz? Veronika, 25jährige Studentin aus Wiesbaden, meint nachdenklich: „Ich fühle mich sehr hin- und hergerissen. Auf der einen Seite bedrückt mich die Armut und die Ergebenheit, mit der die Menschen alles auf sich nehmen, ohne erkennbaren Veränderungswillen. Andererseits wünsche ich mir für uns ein wenig mehr von ihrer Gelassenheit, ihrer Gastfreundschaft, Herzlichkeit und ihrer Lebensfreude. Wenn beide Seiten voneinander lernen, kann das eine gute Sache werden.“
Die Deutschen haben in Peremoha auch etwas zurückgelassen: Jede Menge Kinder, die Julia nachtrauern, die so toll Fußballspielen konnte und ihnen das Jonglieren beibrachte. Eine Gitarre blieb zurück, auf der abends Lieder begleitet wurden: ukrainische, deutsche, irische, spanische, jiddische; und die nun einen jungen Musikanten glücklich macht. Und vor dem zukünftigen „Haus für Peremoha“ steht nun ein ehemals verrostetes und unkrautumwuchertes Kletter-Raumschiff mit Rutschbahn, das in fröhlichen Farben neu erstrahlt und signalisiert: Aufbruch.