Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 4. 10. 2006

Das Buch des Lebens zu Ende gelesen

Ukrainische Verschleppte auf den Spuren ihrer verlorenen Kindheit in Berlin

Spurensuche in Berlin und Brandenburg: Im September waren sechs alte Menschen aus Peremoha zu Gast in Berlin. Wir dokumentieren einen Text des Journalisten Karl-Heinz Baum (Berlin), der in gekürzter Form am 27. 9. 2006 in der FR erschien.

Hanna Dzubenko (79) steht auf und setzt sich wieder, spricht leise zur Dolmetscherin. Diese erklärt: Sie sei zu aufgeregt, zu aufgewühlt, um stehend zu reden. Zum ersten Mal blickt die frühere Russischlehrerin aus Peremoha, einem Dorf der Ukraine 60 Kilometer östlich Kiew, als Zeitzeugin deutsche Schüler an. Sie hatte vorher Angst, gerade junge Leute könnten, was sie zu sagen hat, als Vorwurf auffassen; sie wolle Freundschaft und Versöhnung.

Hanna Dzubenko erinnert sich genau. 45 Schüler der 12. Klassen der Gabriele von Bülow-Oberschule Berlin-Tegel lauschen. Sie ist nicht das erste Mal in Berlin. Vor 63 Jahren kam sie schon einmal in die Stadt, verschleppt wie rund 1500 Dorfbewohner. Sie war 16, eine von fast elf Millionen Zwangsarbeitern aus vielen Teilen Europas, die während des 2. Weltkrieges die Wirtschaft des Nazireiches am Laufen halten sollten.

Am 27. August 1943 kamen deutsche Soldaten auf dem Rückzug in Annas Dorf und brüllten: „Raus. Raus.“ Alle Einwohner mussten Haus und Hof verlassen, wurden Richtung Kiew getrieben. Wer floh wurde erschossen, auch Kinder. Stundenlang standen sie in einem Sumpf, erwarteten den Tod. Sie mussten auf freiem Feld nächtigen, sahen den roten Feuerschein des brennenden Dorfes. Tags darauf trieb man sie über Stunden zu einem Bahnhof. Dort wurden einige aussortiert, die meisten in einen Zug verfrachtet, der drei Wochen bis Berlin brauchte. Verpflegung gab es nur in Lublin und Frankfurt/Oder – 22 Tage Todesangst. In Berlin arbeitete Anna im Bahnhof Tempelhof, dann in der Schokoladenfabrik Sarotti, wohnte in einer Baracke, immerhin ging es ihr den Umständen entsprechend gut.

Nikolay Krasnozhon, Boris Op0naschenko und Anatolij Krasnozhon, neun, sieben und sechs Jahre alt, standen mit den Eltern wie auf einem Sklavenmarkt als billige Arbeitskräfte zur Auswahl; sie kamen auf den Gutshof der Familie Veltheim in Schönfließ nördlich Berlin. Die Veltheims gehörten zur Bekennenden Kirche, waren keine Anhänger des NS-Staats. „Wir mussten auf dem Feld Kartoffeln lesen und Steine sammeln. Man behandelte uns gut; wir spielten mit anderen Kindern und trugen bei der Hochzeit der Tochter die Schleppe. Schönfließ war noch die beste Zeit der verlorenen Kindheit.“ Boris verlor das rechte Bein nach Kriegsende bei einem Autounfall in Bernau.

Es ging nicht allen so gut. Valentina Antonenko war 11. Die Soldaten erschossen ihren Vater; auf dem Transport verhungerte ihr kleiner Bruder, er vertrug kein Kommissbrot. Sie konnten ihn nicht begraben, er wurde ihnen weggenommen. In Berlin kamen Mutter und Tochter in einen Rüstungsbetrieb, schleppten Metallteile für Panzer. Ließen sie eins fallen, schlug man sie. Nicolay Kuchera, damals 19, wurde „wie ein Sklave ausgesucht“, musste auf einem Bahnhof im Wedding schwer arbeiten, versteckte sich bei Luftangriffen in der U-Bahn.

Iwan Christolubski – damals 15, gestorben 2004 – kam zu einem Bauern in Neudorf nördlich Berlin. „Ich musste schuften wie ein schwarzer Ochse“, schrieb er vor drei Jahren. „Einmal sollten wir Reisig holen. Wir waren zu langsam. Da hat uns der Bauer so verprügelt, dass wir von der zweiten Etage auf den Hof flogen. Wir hatten nie einen freien Tag.“ Christolubski kam 1945 als „Volksverräter“ für fünf Jahre nach Sibirien, weil er für Deutsche gearbeitet hatte. Wer ins Dorf zurück kam, hatte eine schwere Zeit. Es gab kein Haus, kein Wasser, kein Licht, Sommers wie winters hausten sie in selbst gegrabenen Erdlöchern. Ihr Heimatort Peremoha ist eins von 348 Dörfern allein in der Ukraine, die Opfer der NS-Politik (Nazijargon:) „Verbrannte Erde“ wurden. Die Einwohner wurden entweder verschleppt oder wie im 200 Kilometer nördlich gelegenen Kiriokivka erschossen und/oder mit den Häusern verbrannt: Fast 7000 Opfer gab es allein dort.

Seit 1999 kümmert sich die Martin Niemöller-Stiftung (Wiesbaden) um das Schicksal Peremohas. „Ich möchte noch einmal Schönfließ sehen,“ sagte Nikolay Krasnazhon vor zwei Jahren, als Leute der Stiftung wieder mal da waren. 2006 – 63 Jahre nach der Verschleppung – kommen so sechs einstige Zwangsarbeiter nach Berlin, im Schlafwagen in 22 Stunden. Sie wohnen im Hotel. Die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, die NS-Zwangsarbeiter entschädigte, trägt die Reisekosten, den Rest die Niemöller-Stiftung. Sie kommen nicht ohne Furcht: Wie werden Deutsche sie aufnehmen? Sie haben diese Bilder im Kopf: ein Land in Trümmern, ein Land mit Leuten, die nur „Jawoll“ sagen können.

Doch alle sind anders als befürchtet, sie sind freundlich: im Bundestag, wo man sie durchs Reichstagsgebäude führt, wo die Vorsitzende der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe Bärbel Kofler sie begrüßt; in der Schule sagt Direktor Ulrich Entz „Willkommen“; die Schüler überreichen Blumensträuße.

In Schönfließ führen Pfarrer Matthias Möckel, Bürgermeister Karl Brietzke und die Enkel des einstigen Gutsherren, Christoph von Witzleben und Burghard Rübcke-von Veltheim, die Gruppe an die Spuren der Kindheit. Die Veltheim-Enkel zeigen Fotos von der Hochzeit ihrer Mutter. Ganz wichtig ist das Haus, auf dessen Boden die drei damals schliefen. Anatolij Krasnazhon fallen da Worte aus der Kindheit ein: „Ich bin sechs Jahre!“ – „Ich springe jetzt!“ Eine Eisenkette (er verhakt die Finger, um zu zeigen, was er meint) umspannte damals das Denkmal für im 1. Weltkrieg Gefallene. Schönfließ will zu Peremoha Kontakt halten.

Hanna Dzubenko möchte die stillgelegte Sarottifabrik sehen. Steffen Just, Nestlé-Generalsekretär für Deutschland, eigens aus Frankfurt/Main angereist, begrüßt sie. Er fand bei der Stilllegung im Keller Akten und Fotos über Zwangsarbeiter und übergibt ihr Kopien. Anna ist nicht drauf, sie meint aber Bekannte zu erkennen.

Die sechs Gäste aus Peremoha sind gekommen, sagt Nikolay Krasnozhon, um das Buch des Lebens zu Ende erzählen zu können. Diesem Ziel sind sie in Berlin näher gekommen. Peremohas Ex-Bürgermeister weiß, nicht nur er, auch andere aus dem Dorf möchten gern noch einmal die Plätze in Deutschland sehen, wo sie litten, sich zuweilen aber auch freuen konnten. Er hofft, dass sich ihr Wunsch erfüllt.

Nach hundert Minuten Schulstunde sagt ein Schüler, die Zeit sei zu kurz gewesen. Er hätte noch viel länger zuhören können. „Es ist etwas anderes, in Geschichte Zahlen zu hören oder mit Menschen zu reden, die das durchgestanden haben.“

 

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