Artikel vom 25. 8. 2008
„Das Buch des Lebens zu Ende lesen“ (2)
Ehemalige Zwangsarbeiter aus Peremoha/ Ukraine besuchen Deutschland
Im Archiv von Nicolay Krasnozhon finden sich die Namen von 1.326 Verschleppten aus Peremoha
Am 27. August 1943 wurden mehr als 1.300 Bewohner des ukrainischen Dorfes Peremoha nahe Kiew nach Deutschland deportiert, vor allem Frauen, Jugendliche und Kinder. Ihr Dorf wurde verbrannt und dem Erdboden gleich gemacht. Nach einem zweiwöchigen Transport in Güterwaggons erreichten sie Frankfurt/Oder, wo sie für 13 Reichsmark pro Arbeitskraft für den Einsatz in der Landwirtschaft angeboten wurden. Allein 120 Menschen aus Peremoha kamen so nach Alt-Madlitz.
In wenigen Wochen werden neun von ihnen auf Einladung der Martin-Niemöller-Stiftung nach Berlin kommen.
Vier von ihnen waren noch Kinder zwischen zwei und fünf Jahren, als sie verschleppt wurden. Für alle wird es das erste Wiedersehen mit Deutschland sein. Erstaunlich präzise sind die Bilder und Erinnerungen, die sie seit über 60 Jahren mit sich tragen, und alle träumen davon, Alt-Madlitz wiederzusehen.
Einer von ihnen drückte es einmal so aus: „Ich möchte das Buch meines Lebens endlich zu Ende lesen“.
Marie Gliten (82) war 14, als sie zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Bruder nach Alt- Madlitz kam. Ihre Mutter war im Nachbardorf von den deutschen Besatzern bei lebendigem Leib verbrannt worden, ihr Vater war bei der Armee. Sie hatte in Peremoha Hinrichtungen mit ansehen müssen.
In Alt-Madlitz hat sie Kartoffeln geerntet, Steine aus den Feldern aufgesammelt und im Wald gearbeitet. Vor der Befreiung versteckte sie sich im Wald in Erdlöchern.
Marie Gliten ist Witwe und lebt allein. Sie hat drei Kinder, von denen eine Tochter vor kurzem verstorben ist. Früher hat sie Gitarre und Mandoline gespielt und viel gesungen. Sie arbeitet noch in ihrem Beruf als Bestatterin.
Olga Krasnoshon (78) und Alexandra Doroschenko (77)
Olga Krasnoshon kam mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Brüdern nach Alt-Madlitz. Der kleinere der Brüder starb auf dem Rücktransport in Polen, der ältere, Vasyl, gehört auch zur Besuchergruppe.
In Alt-Madlitz haben sie und Alexandra Doroschenko im Sommer auf dem Feld gearbeitet, im Winter Weizen verarbeitet. Sie erinnern sich besonders präzise an den Aufseher.
Olga Krasnoshon hat zwei Kinder; ein Sohn ist verstorben. Beide Frauen konnten nur wenige Jahre die Schule besuchen und arbeiteten in der Kolchose in der Milchwirtschaft.
Vasyl Krasnoshon (68) war drei Jahre alt, als er mit Mutter, dem jüngeren Bruder und Schwester Olga nach Alt-Madlitz kam. Er war noch zu klein, um sich erinnern zu können. Auf dem Foto von 1944 sieht man ihn mit Mutter, Schwester und dem kleineren Bruder.
Varvara Gorban (78) wurde zusammen mit ihren vier Geschwistern verschleppt. Das jüngste war damals 3 Jahre alt, und sie hatte Angst, die jüngste unterwegs zu verlieren. Sie erinnert sich daran, wie sie für die kleineren Geschwister immer wieder um Brot gebettelt hat, und dass sie damals keine Hoffnung hatte, wieder nach Hause zu kommen.
Varvara lebt heute allein. Sie hat einen Sohn. Nach dem Krieg arbeitete sie in Peremoha als Briefträgerin.
Ivan Gorban (76) kam mit 11 Jahren nach Alt-Madlitz, zusammen mit seinen vier Geschwistern. Der Vater war damals im Krieg, die Mutter war 1941 gestorben. Die Kinder und Jugendlichen molken Kühe, hüteten Schafe und arbeiteten auf dem Feld.
Ivan Gorban lebt heute mit seiner Frau in Peremoha. Er ist Rentner und hat in der Landwirtschaft gearbeitet.
Pavel Gliten (70) war fünf Jahre alt, als er mit seiner Mutter nach Brandenburg deportiert wurde. Während die Mutter arbeitete, blieb er – wie alle kleinen Kinder – tagsüber allein und unversorgt. In einem Kellerversteck wartete er auf die Befreiung durch die Rote Armee. Die ersten drei Monate nach der Befreiung verbrachte er mit seiner Mutter in Polen.
Mykola Zagorsky (67) war zwei Jahre alt, als er mit den Eltern und drei Geschwistern nach Alt-Madlitz kam. Er kennt den Ort bisher nur von Erzählungen, er selbst hat keine Erinnerungen. Mykola Zagorsky lebt mit seiner Frau in Peremoha.
Ivan Dzus (69) wurde mit vier Jahren verschleppt, zusammen mit seinen Eltern und der zwölfjährigen Schwester. Eltern und Schwester sind inzwischen verstorben. Über ihren Aufenthalt in Deutschland wollten sie nicht reden; nur darüber, dass sein Vater einmal „fast totgeschlagen“ wurde.
Er sagt, dass er sein ganzes Leben davon geträumt habe, einmal zu dem Ort zurückzukehren.
Ivan Dzus hat Radiophysik studiert und in Kiew an der Hochschule unterrichtet.
Alt Madlitz
Alt- Madlitz liegt im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree, zwischen Fürstenwalde und Frankfurt/Oder und ist heute ein ortsteil von Madlitz– Wilmersdorf. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte das Dorf 305 Einwohner, heute dürften es um die 200 Einwohner sein.
Der Ort wird geprägt durch die Kirche und das Herrenhaus der Grafen Finck von Finckenstein. 1945 wurde der Gutshof im Rahmen der Bodenreform enteignet, diente bis 1970 als Kindergarten und stand dann leer. Seit der Wiedervereinigung befindet es sich wieder im Besitz der Familie Finck von Finckenstein, die das Gutshaus restaurieren ließ und heute wieder bewohnt.
Das Gutshaus wurde von allen Befragten wieder erkannt. Dazu kamen Erinnerungen an eine Schnapsbrennerei im Hof, an eine Scheune und einen Pferdestall. Zum Gutshof sollen auch 12 Hunde gehört haben.
Ein kleiner Teich vor dem Friedhof wurde erwähnt, wobei unklar ist, ob es sich um den Dorffriedhof handelt oder um den privaten Friedhof der gräflichen Familie.
Nach Berichten aus Peremoha befand sich während des 2. Weltkriegs direkt neben der Kirche ein kleineres, mit Stacheldraht abgezäuntes Lager für Franzosen.
Das Barackenlager für die Ukrainer befand sich ca. 2km südlich von Alt-Madlitz und wurde nach Angaben der Befragten vor der „Belegung“ durch die Ukrainer als Kriegsgefangenenlager genutzt und für die Neuankömmlinge geräumt.
Um nach Briesen zu gelangen, musste man erst einen Kartoffelacker passieren, dann führte die Straße durch den Wald.
Die Arbeit
Auf die Frage, für wen sie gearbeitet haben, antworteten alle: „Für die Gräfin“, so dass davon auszugehen ist, dass alle ukranischen Zwangsarbeiter für die Bewirtschaftung der Ländereien des Gutshofes der Familie Finck zu Finckenstein eingesetzt wurden. Außer der Gräfin wurde kein Mitglied der Familie benannt; auch die Gräfin selbst bekamen die Arbeiter/innen wenig zu Gesicht. Einer erinnert sich, dass die Gräfin dreimal mit einem Pferdegespann am Lager vorgefahren sei. Des weiteren wurde eine deutsche Hauswirtschafterin erwähnt.
Sehr genaue Erinnerungen haben alle Befragten jedoch an den Verwalter oder Aufseher, einen ca. 40jährigen, sehr großen Mann mit rötlich-blonden Haaren. Er wird beschrieben als brutaler „Chef“, der die Arbeiter mit der Peitsche antrieb, sie schlug, kleine Verstöße brutal ahndete und Macht demonstrierte. Olga Krasnoshon sagt, dass sie heute noch von ihm träumt.
Ein weiterer deutscher Arbeiter wurde von den Ukrainern als „Der Blaue“ tituliert, weil er immer blau angezogen war. Es handelte sich um einen jüngeren Mann mit Frau und ca. fünfjähriger Tochter, der freundlich war, zusätzliche Essensrationen besorgte und durch Pfiffe warnte, wenn der „Chef“ sich näherte.
Die Arbeitszeit betrug täglich zehn Stunden, von 7 bis 19 Uhr. Die Arbeiter/innen wurden morgens mit Hunden zur Arbeit abgeholt.
Das Leben im Lager
Das Barackenlager war mit Stacheldraht umgeben. Man schlief auf zweistöckigen Holzpritschen und auf Strohsäcken. Die Baracken wurden als schmutzig und verwanzt beschrieben.
Vor allem für die Kinder gab es kaum Kleidung. An den Füßen trugen die Arbeiter holländische Holzschuhe, oder sie liefen barfuss.
Die Essenszuteilung betrug 11kg Brot pro Monat für Familien, 7 kg für Alleinstehende. (Marie: „Ich träume von Brot.“), 600g Nudeln, 900 g Zucker, dazu Margarine, Marmelade. Die Lebensmittel konnten einmal pro Monat in Briesen mit Marken abgeholt werden, und sie wurden auch untereinander getauscht.
In der Nähe soll es ein deutsches „Sanatorium“ gegeben haben. Wenn Spaziergänger aus dem Sanatorium vorbeikamen, wurden sie um Brot angebettelt; einige haben dann auch Lebensmittel am Zaun liegen lassen.
Die Situation der Kinder war besonders hart. Sie blieben tagsüber weitgehend unbeaufsichtigt, niemand kümmerte sich um sie. Größere Kinder versuchten, für die kleineren Nahrungsmittel zu stehlen. Einige Kinder sind im Lager gestorben. Von zweien wurde berichtet, dass sie tagsüber angebunden wurden und dabei zu Tode kamen.
Allerdings konnten die Kinder, im Gegensatz zu den Erwachsenen, das Lager auch verlassen und wurden auch zu kleineren Botengängen geschickt. Pawel Gliten erinnert sich, dass er zu einem Bierlokal geschickt wurde, um für 25 Pfennige Bier zu holen.
Am Wochenende hatten auch die Erwachsenen Ausgang.
Es gab auch eine russisch sprechende Lagerärztin, die jeden Morgen vorbeikam.
Ivan Gorban erinnert sich an einen Mann, der öfter mit seiner Ziege spazieren ging, und der ein wenig ukrainisch sprach. Dieser lud ihn zum Mittagessen ein.
Gegen Kriegsende wurde ein Teil der Baracken zerbombt. Nach der Bombardierung versteckte sich ein Teil der Zwangsarbeiter in Alt-Madlitz, andere versteckten sich im Wald in Erdlöchern.
Bericht: Claudia Sievers, 22.07.2008



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