Ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine besuchen noch einmal das Gut im Oderbruch, auf dem sie Frondienste verrichten mussten. Und erzählen ihre Geschichte
Im September hatte die Martin-Niemöller-Stiftung eine Gruppe von neun ehemaligen Zwangsarbeiter/innen aus Peremoha nach Berlin eingeladen. Die Reise wurde unterstützt vom Fonds "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Wir dokumentieren mit freundlicher Genehmigung einen Artikel von Karl-Heinz Baum aus dem "Rheinischen Merkur", 43/2008.
„Maria, Mist fahren!“, hallt es über den Wirtschaftshof des Schlossguts Alt Madlitz. Der alten Dame traut keiner so eine schneidende Stimme zu. Diesen Befehl musste sie vor 65 Jahren auf diesem Hof lernen und befolgen. Der Mann neben ihr ruft ebenso schneidend: „Zurück ins Lager!“ Für die neun Leute aus dem ukrainischen Dorf Peremoha, 50 Kilometer östlich von Kiew, ist Deutsch nicht üblich. An diesem Herbsttag gehen sie, inzwischen 67 bis 82 Jahre alt, durch das Straßendorf Alt Madlitz in Brandenburgs Oder-Spree-Kreis. Die Anfahrt war lang, zwei Stunden mit dem Bus bis Kiew, gut 24 Stunden im Schlafwagen, Hotelübernachtung in Berlin, dann eine Stunde mit der Bahn nach Fürstenwalde und eine halbe mit dem Auto bis Alt Madlitz.
Sie sind die Strecke 1943 schon einmal gefahren, 22 Tage in Todesangst, neun Menschen von elf Millionen Zwangsarbeitern, die im Zweiten Weltkrieg die Wirtschaft des Nazireichs am Laufen halten sollten. An die 1500 Bewohner des ukrainischen Dorfes – die genaue Zahl ist unbekannt – wurden nach Deutschland verschleppt. Zurück kehrten 1326.
Am 27. August kamen deutsche Soldaten auf dem Rückzug nach Jadliwka, wie Peremoha damals hieß. „Raus, raus!“ Alle mussten ihr Heim verlassen, wer sich weigerte oder fliehen wollte, wurde erschossen, auch Kinder. Marias Mutter wurde bei lebendigem Leib verbrannt. Das Dorf ist einer von 337 Orten in der Ukraine, die Opfer der NS-Politik „Verbrannte Erde“ wurden. Die Einwohner wurden nach Deutschland verschleppt oder wie im 200 Kilometer nördlich gelegenen Kiriokiwka erschossen oder in ihren Häusern verbrannt: Dort gab es 7000 Opfer.
Jadliwkas überlebende Bewohner wurden Richtung Kiew getrieben, standen stundenlang im Sumpf, erwarteten den Tod. Sie mussten auf freiem Feld nächtigen, sahen den Feuerschein ihres brennenden Dorfes. Tags darauf ging es zum Bahnhof. Einige wurden aussortiert, die meisten in Viehwaggons verfrachtet, Abfahrt mit unbekanntem Ziel. Verpflegung gab es nur in Lublin und an der Endstation Frankfurt an der Oder. Während der Fahrt verhungerten Kleinkinder.
Kräftige junge Männer wurden in Frankfurt wie auf einem Sklavenmarkt für 13 Reichsmark feilgeboten. Familien mit Kindern durften zusammenbleiben. Sie mussten landwirtschaftliche Anhänger besteigen; Traktoren zogen die Wagen mit der menschlichen Fracht nach Alt Madlitz. 120 Menschen aus Jadliwka kamen so auf das Gut der Familie Finck zu Finckenstein, abgeladen zwei Kilometer vom Ort entfernt an einem Haus mit mehreren Scheunen: ihre Unterkunft. Dort lebende Kriegsgefangene wurden schnell abtransportiert.
Madlitz Ausbau heißt die Busstation am früheren Lager. Die 82-jährige Maria Gliten, die oft Mist fahren oder Steine sammeln musste, streichelt die knorrige Weide, die schon damals vorm Haus stand. „Mein Baum“, sagt sie auf Deutsch. Die Männer, 1943 nicht mal sechs Jahre alt, suchen Erinnerungen, zeigen auf Fenster, die Wiese, auf der sie hinter Stacheldraht herumtollten. Kinder blieben sechsmal die Woche allein im Lager, tagsüber arbeiteten die Mütter auf den Feldern.
Diesen Menschen ist es im Oderbruch nicht gut ergangen. Heute sitzen sie vor Schülern der 11. Klassen des Katholischen Gymnasiums Bernhardinum in Fürstenwalde. Einer von ihnen will wissen, wie man sich damals verständigte, sie hätten doch kein Deutsch gekonnt. Maria Glitens Antwort macht die jungen Zuhörer betroffen: „Ganz einfach: Die Peitsche war die Sprache. Die mussten wir verstehen.“
Eine Dolmetscherin geht zum 69-jährigen Iwan Dzus, der in Kiew bis zur Rente Radiophysik lehrte. Leise regt sie an, er möge sein Erlebnis schildern. Doch er schüttelt den Kopf, nein, diesen jungen Menschen wolle er das nicht sagen. In der Kirche hatte er tags zuvor davon gesprochen. Er hatte von einem Baum an der Straße Äpfel gepflückt. Der „Chef“, der Gutsverwalter, beobachtete ihn dabei. Er habe sich in der Unterkunft mit den vielen doppelstöckigen Betten verstecken wollen. Doch vergeblich. Der Mann habe den Hund auf ihn gehetzt und dabei über die Todesangst des kleinen Jungen grässlich gelacht. Dzus steht da in der Pose des „Chefs“, breitbeinig, Arme in die Hüften: Die Zuhörer sehen geradezu die damals üblichen weiten, unter dem Knie zusammengebundenen Hosen, beliebt bei denen, die Macht ausübten.
Nach all diesen Leidensgeschichten fragt im Fürstenwalder Dom Heilgard Asmus, Generalsuperintendentin des Sprengels Cottbus der evangelischen Kirche, ob denn jemand Menschlichkeit erfahren habe. Zwei Frauen sagen spontan „Nein“, doch andere widersprechen. Eine Frau erinnert an den Offizier, der sie aus dem Haus treiben musste und der Mutter bedeutete, sie solle alle gerade gebackenen Brote mitnehmen. Das Brot habe auf der Fahrt ihre Familie und andere vorm Verhungern gerettet. Iwan Gorban erinnert sich, dass die Gräfin Finck zu Finckenstein zu Ostern allen Kindern ein Ei geschenkt habe; leider nur einmal. Ein Mann habe ihn einmal zum Mittagessen eingeladen.
Dann loben alle Inspektor Binsker; er habe besonders Kindern zusätzlich etwas zugesteckt, habe mit Pfiffen vor dem „Chef“ mit der Peitsche gewarnt. Als die Front 1945 näher kam und viele Deutsche flüchteten, bettelten die jungen Mädchen um Essen: Er habe trotz Granatenbeschuss eine ganze Wagenladung Kartoffeln ins Lager gefahren. Der „Blaue“, wie sie ihn nannten – er kam stets im „Blaumann“ daher –, sei „ein guter Mensch“ gewesen. Ihn nahm die sowjetische Verwaltung bald fest. Er kam nie wieder. Gutsverwalter Erdmann, der „Chef“, soll in den Westen geflohen sein, heißt es im Dorf.
Die Gäste möchten den Friedhof sehen. Dort haben sie drei aus ihrer Gruppe begraben, zwei Frauen – eine starb an Entkräftung, die andere bei der Geburt ihres Kindes – und einen kranken 13-Jährigen. „Ich will nicht in der Fremde sterben“, habe er gefleht, erinnert sich Maria Gliten. Die Frauen gehen in eine Ecke des Friedhofs nahe dem Abfallcontainer. „Hier haben wir sie begraben.“ Darauf deutet nichts hin. Die Ukrainer stellen sich in einen Kreis und beten das Vaterunser.
Martin Stöhr, Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, der die Gruppe begleitet, sichert zu, er werde sich für einen Gedenkstein für die damals Verstorbenen einsetzen. Dem stimmen auch Bürgermeister Gerhard Kaminski und die Vize-Amtsdirektorin Roswitha Standhardt zu. Die Stiftung, die die Begegnung organisiert hat, ist nach dem Pfarrer der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem Martin Niemöller benannt, der von 1937 bis 1945 in den KZs Sachsenhausen und Dachau inhaftiert und von 1948 bis 1964 Hessen-Nassaus Kirchenpräsident war. Die Reisekosten trägt die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, die Zwangsarbeiter entschädigte.
Wichtiger als Gedenksteine ist für die, die damals leiden mussten, dass alle sie so herzlich willkommen heißen: Schüler, Lehrer und der Direktor in Fürstenwalde, Repräsentanten der Gemeinde, des Amts Odervorland und der Kirche. In Alt Madlitz werden sie zu einem üppigen Mahl geladen. Dennoch – es ist ein schwerer Gang an bekannte Stätten der Ausbeutung. Sie wollen das Buch ihres Lebens zu Ende schreiben, und es soll versöhnlich enden. Der 70-jährige Pawel Gliten sagt es im Dom: „Heute können wir uns als freie Menschen in die Augen sehen.“
Schluchzend berichten die Frauen, ihre Leidenszeit habe mit dem Ende des Krieges nicht aufgehört. Es dauerte Monate, bis man sie in die Heimat ließ. Auch auf dem Rücktransport starben weitere Kinder. Im ausgebrannten Dorf gab es nur verkohlte Mauern, kein Haus, kein Baumaterial, kein Wasser, kein Licht. Sommers wie winters hausten sie in selbst gegrabenen Erdlöchern. Gerichte verurteilten zudem verschleppte junge Männer als „Volksverräter“ und schickten sie für Jahre nach Sibirien. Ihr Vergehen: Sie hatten „für den Feind gearbeitet“.