Einweihung in Alt-Madlitz
An einem sonnigen Oktobertag ereignet sich Ungewohntes in dem brandenburgischen Dorf Alt-Madlitz. Auf dem Friedhof sieht man einen jungen ukrainischen Geistlichen vor einem gestürzten, gebrochenen Holzkreuz aus schweren Balken auf befestigtem Grund. Er spricht und singt das Totengebet nach orthodoxem Ritus. Ungewohnt klingt das Kirchenslawisch auf dem kleinen Dorffriedhof. Eine Gruppe von Ukrainern spricht die Gebete mit, legt Blumen ab und schüttet eine Handvoll Erde unter das Kreuz. Es ist Erde aus dem ukrainischen Dorf Peremoha unweit von Kiev.
Vor mehr als sechzig Jahren beteten an dieser Stelle auch schon Menschen aus Peremoha, das damals noch Jadlivka hieß. Zwischen 1943 und 1945 begruben sie hier Frauen und Kinder, die an Lungentuberkulose, im Kindbett oder an Entkräftung gestorben waren. 150 Menschen aus Peremoha, vor allem Frauen und Kinder, lebten damals in einem freistehenden Gebäude am Ortsausgang von Alt-Madlitz. Im August 1943 waren sie aus ihrem Dorf hierher verschleppt worden, zur Arbeit auf den Feldern. Die meisten von ihnen klaubten Steine oder Kartoffeln für das Gut der Familie von Finckenstein. Deutsche Truppen hatten zuvor ihr Dorf in Brand gesteckt, entsprechend dem Befehl Himmlers, dass "kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide, keine Eisenbahnschiene zurückbleibt, dass kein Haus stehenbleibt, ... Der Gegner muss wirklich ein total zerstörtes und verbranntes Land vorfinden."
Im Jahr 2008 hatte die Martin-Niemöller-Stiftung eine Gruppe der damals aus Peremoha nach Alt-Madlitz Verschleppten eingeladen. Ihr erster Weg führte sie auf den Friedhof, und zielsicher strebten sie eine Ecke auf dem Friedhofsgelände an, an der sie ihre Toten begraben hatten, gegen den Widerstand des damaligen Gutsverwalters Erdmann. Über den Tod ihrer Mutter erzählte Maria Krasnozhon vor zwei Jahren: "Meine Mutter war noch von zu Hause krank und kam krank nach Alt-Madlitz. Wenig später starb sie. Ich habe geweint, als der Verwalter gesagt hat, dass man sie in einen Graben werfen sollte. Wir alle haben viel geweint und ihn angefleht, sie wie einen Menschen zu beerdigen. Dann habe ich zur Dolmetscherin gesagt: 'Mein Gott, bitte, lassen Sie sie in einem Sarg unter der Erde bringen!' Die Dolmetscherin hat auch geweint und den Verwalter angefleht, mit Nadja, meinem kleinen Schwesterchen auf dem Arm. Und so wurde dann doch ein Sarg angefertigt und sie wurde hineingelegt. Der Verwalter hat uns dann auch angewiesen, meine Mutter hinter dem Friedhof zu beerdigen." Nun, im Jahr 2008, erinnerte nichts mehr daran, Gras war darüber gewachsen, im wahrsten Sinn des Wortes. Damals versprach Martin Stöhr, Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, dass er sich für ein Zeichen der Erinnerung einsetzen werde.
Vor wenigen Tagen, am 9. Oktober, war es nun so weit. Die Martin-Niemöller-Stiftung hat eine Spendensammlung initiiert, und der Fürstenwalder Künstler Friedrich Stachat schuf ein eindrucksvolles "Gedenkzeichen", das gestürzte und gebrochene Kreuz aus schweren Holzbalken.
Zur Einweihung hatte die Martin-Niemöller-Stiftung Überlebende und Angehörige der Verstorbenen eingeladen, dazu die Bürgermeisterin und den Pfarrer von Peremoha, Vater Alexander Jarmoltschik. Zum Gedenken an die Toten waren außer den offiziellen Vertretern aus Kirche und Gemeinde auch Bewohner aus Alt-Madlitz zahlreich gekommen, und Freunde von Peremoha aus ganz Deutschland. Die Botschaft der Ukraine war mit Botschaftsrat Vasyl Khymynets vertreten. Superintendent i.R. Eckhard Fichtmüller erinnerte in seinen Eröffnungsworten nochmals an den Anlass, der die Teilnehmenden an diesem Ort zusammengeführt hatte: "Die Berichte der Überlebenden hören wir mit Anteilnahme und Betroffenheit - und mit Scham über das, was von Deutschen getan wurde. Das Gedenkzeichen soll auch an das erinnern, was sie erlebt, erlitten, ertragen haben. Es lässt sich von uns mit Worten kaum beschreiben. Für mich ist etwas zu erkennen von den Lasten, die Menschen aufgebürdet werden, von der Härte des Lebens, die zu Boden drückt – und von dem stützenden Halt, der verhindert, dass sie, dass wir ganz niedergeschlagen werden. Jede, jeder wird dieses Gedenkzeichen mit eigenen Augen, mit eigenem Herzen sehen und deuten."
Den stützenden Halt, der von dem Kreuz ausgeht, erfuhren auch die Angehörigen der Toten aus der Ukraine, und die, die heute wieder in Peremoha leben. "Wir haben jetzt einen Ort in Deutschland, der an unsere Geschichte erinnert und zu dem wir gehen können", meinte Bürgermeisterin Rychlik. Und Tamara Baluta sagte vor dem Abschied: "Mein Vater und seine Schwestern haben als Kinder hier ihre Mutter verloren. Sie waren allein und haben nicht verstanden, was mit ihnen passiert ist. Aus ihren Erzählungen kenne ich Alt-Madlitz, seit ich lebe. Ich weiß nicht, ob ihr verstehen könnt, wie wichtig es für uns ist, dass es diesen Ort gibt, und dass wir hierher kommen konnten."