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Artikel vom 31. 1. 2006

Zum 100. Geburtstag von Heinz Kloppenburg

Von Heinz Hermann Niemöller

Heinz Kloppenburg (re)  mit Prof. Dr. Hromadka bei der
 
"2. Allchristlichen Friedensversammlung" 1964 in Prag

Heinz Kloppenburg (re) mit Prof. Dr. Hromadka bei der "2. Allchristlichen Friedensversammlung" 1964 in Prag

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung des Versöhnungsbundes e.V. anlässlich des 100. Geburtstags von Heinz Kloppenburg (10.05.1903 - 16.02.1986) in Bremen überbrachte Dr. H.H. Niemöller folgendes Grußwort für die Martin-Niemöller-Stiftung

Liebe Freunde,

ich freue mich, an diesem Tag und an dieser Stelle ein Grußwort für die Martin-Niemöller-Stiftung zu sagen, einer Stiftung, die nicht nur von Heinz Kloppenburg mitgegründet worden ist, sondern die er von 1980 bis zu seinem Tode als 1. Vorsitzender geleitet hat.

Lassen Sie mich kurz skizzieren, wie es zur Gründung dieser Stiftung kam, und was ihre Ziele sind: Anlässlich des 85- Geburtstages meines Vaters Martin Niemöller im Jahre 1977 trafen sich in Wiesbaden viele alte und junge Freunde des Vaters und formierten sich auf Anregung von Heinz Kloppenburg und Eugen Kogon zu einem internationalen Komitee mit dem Zweck, die Martin-Niemöller-Stiftung ins Leben zu rufen. So geschehen am 15. Januar 1977. Als Ziele wurden genannt: Initiativen und Aktivitäten zu fördern, die auf internationale Verständigung drängen, auf Entspannung, auf Frieden im weitesten Sinne. Natürlich war die Haupt-Stoßrichtung dieser Aktivitäten auf die Überwindung, oder wenigstens auf die Entschärfung des damals so dominierenden Ost-West-Gegensatzes gelenkt, der von den damaligen politischen Mehrheiten schon fast als ein "gottgegebenes" Schicksal hingenommen wurde. Der Zusammenbruch des Sozialismus östlicher Ausprägung lag da noch in weiter Ferne. Die Parallelität dieser Zielsetzung der Martin-Niemöller-Stiftung und des Internationalen Versöhnungsbundes liegt auf der Hand. Es gibt noch einige andere Zusammenschlüsse aus dieser Zeit mit ähnlichen Zweckbindungen; ich finde, die Vielfalt dieser Gruppierungen hat ihrer öffentlichen Wirkung nicht geschadet. Unsere beiden Gruppierungen - Martin-Niemöller-Stiftung und Internationaler Versöhnungsbund - lassen bis heute die Handschrift von Heinz Kloppenburgs Engagement erkennen.

Wir erinnern uns an diesem Punkt an die für manche vielleicht etwas unbequeme Tatsache, dass sowohl Heinz Kloppenburg wie auch Martin Niemöller Männer der Kirche waren, und das sogar mit einer kritischen Leidenschaft, die ich vorbildlich nenne, die ihrem persönlichen Glauben, ihrer Menschen-zugewandten Christusgläubigkeit entsprang.

Kloppenburg wurde schon als 32-jähriger Pfarrer in einen Arbeitsausschuss berufen, aus dem dann die "Konferenz der Landesbruderräte" der Bekennenden Kirche hervorging. Im darauf folgenden Jahr 1936  gehörte er bereits dem nach der Synode von Bad Oeynhausen geschaffenen "Rat der EKD" an, also einem Leitungs­organ der Bekennenden Kirche der entschiedenen Dahlemer Richtung. So ist im Rückblick die Kontinuität seiner Zugehörigkeit zum "radikalen" Flügel der Bekennenden Kirche mit seinen viel­fältigen Aktivitäten nach dem Kriege, die sämtlich auf die Möglichkeiten und Erfordernisse einer echten Erneuerung - anstelle bloßer Restauration früherer Verhältnisse - gut zu verstehen. Er teilte diese Kontinuität mit vielen seiner Mitstreiter innerhalb wie außerhalb seiner Kirche, was auch die Grundlage seines großen, ihm gleichgestimmten Freundes­kreises bildete.

Ich selbst habe Heinz Kloppenburg nur gelegentlich und "en passant" erlebt, kann mir daher auch nicht erlauben (auch in meiner Eigenschaft als Nicht-Theologe!) seine vielgefächerten Tätigkeiten au£ seinem beruflichen Feld wirklich zu würdigen: ich bin sicher, dass dies von berufener Seite geschehen wird, wenn es nicht schon geschehen ist.

Lassen Sie mich aber doch noch einen Blick werfen auf die uns alle so bewegende Frage, wie wir im Rahmen von diversen Organisationen und Gruppierungen (wie z.B. Versöhnungsbund oder auch Martin- Niemöller-Stiftung), die sich dem Ziel eines weltweiten Friedens verschrieben haben, mit der gegenwärtigen globalen Situation umgehen. Dies sind wir, wie ich glaube, unseren Vätern, unseren Vor-Denkern und Vor-Handelnden schuldig. Es ist leider eine traurige Wahrheit, dass die gegenwärtige Übermacht der USA und ihr Verhalten zu einer gefährlichen Erosion der politischen Moral geführt hat. Man kann bezüglich der USA - und mutatis mutandis auch hinsichtlich des Staates Israel - von einem moralischen Schwäche-Anfall, wenn nicht gar Kollaps sprechen! Von manchen unserer Kommentatoren wird das gerne als eine Art neuer "Realpolitik" vermittelt. In Wirklichkeit ist es ein verantwortungsloses Spiel mit dem Feuer. Ich finde, dass gerade die Erinnerung an so entschiedene Per­sonen, so unermüdliche Arbeiter für die Sache des Friedens in der Welt, wie Heinz Kloppenburg und seine Freunde es waren, uns dazu verpflichtet, die neuen Irrwege, die sich im Gefolge der Politik von Bush und Scharon auftun, zu verlassen und vor solchen zu warnen. Selbst ein Begriff wie "Demokratie" kann zum Götzen werden, wenn falsche Erwartungen sich daran knüpfen. Und auch das Wort "Religion" wird zum Popanz, zum "goldenen Kalb" der Bibel, wenn sie den Boden der bestehenden Gesetze verlässt.

Und wo bleibt die Bergpredigt Jesu? Ist sie nur noch ein Reservat für die sogenannten "Gutmenschen"? (So werden ja heute die Freunde von Recht und Ordnung von den politischen Opportunisten oder Adaptisten gerne genannt!). Oder kommt ihr doch reale Bindungskraft zu? Dazu sagt Luther in seiner Schrift "Von weltlicher Obrigkeit" (1523) ausdrücklich: "Darum müssen wir anders dazu reden, dass Christi Worte jedermann gemein bleiben, er sei "vollkommen" oder "unvollkommen". Das heißt, auch die Bergpredigt, und gerade sie, ist voll gültig, und nicht, etwa Reservat für die "Gutmenschen" (die "vollkommenen")! Darüber hinaus haben Männer und Frauen aus Kirche und Politik oft genug ihre Überzeugung geäußert, dass gerade die Zuspitzun­gen dieser Christusbotschaft ein Plan- und Regelwerk nicht nur für das Leben des Einzelnen, sondern für das Über-Leben der Menschheit enthalten.

Heinz Kloppenburg hat in seiner Lebens-Arbeit wohl nicht mehr und nicht weniger getan, als diese Bergpredigt ernst zu nehmen, und wir danken ihm dafür, über diesen Tag der Erinnerung hinaus. Wir dürfen dabei nicht vergessen, seine Ehefrau Almuth zu erwähnen, wie auch Hannelore Matthes, seine langjährige Mitarbeiterin in der Redaktion der Zeitschrift "Junge Kirche", ohne die dieses große Lebens-Werk nicht hätte vollbracht werden können.

 

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