Von Martin Stöhr
Ansprache am 2. November 2004 zur Eröffnung der Ausstellung „Frieden braucht Fachleute“ in der GTZ – Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, Eschborn
Die Welt-Gesundheitsorganisation der UNO hat schon 1995 darauf hingewiesen, dass 59,5 % aller Todesfälle in der Welt auf Armut zurückzuführen seien. Die Zahlen sind seitdem nicht besser geworden, obwohl die Staatsmänner und Staatsfrauen der Welt im Jubiläumsjahr 2000 wieder einmal beschlossen, bis 2015 die Zahl der Armen zu halbieren. Ein Beschluss mit eingebautem Wiederholungszwang. Eine verbindliche Verpflichtung, zu realisieren, was versprochen wurde, ist nicht eingebaut. Der Beschluss kommt werktags zu den Akten mit dem Vermerk „Wiedervorlage feiertags und auf Gipfelkonferenzen“. Das hat er mit jenen Resolutionen gemeinsam, 0,75 % des Bruttosozialproduktes für die Entwicklungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Nur die skandinavischen Länder und Luxemburg erfüllen ihr Versprechen. Deutschland ist von Anfang an wortbrüchig. Nachdenkliche Skrupel bereitet das nur den vielen aktiven Nichtregierungsorganisationen und einigen Fachleuten und Fachinstitutionen unseres Landes – wie z.B. der GTZ.
Wir eröffnen diese Ausstellung ungefähr in der Halbzeit zwischen der leider nicht veralteten Todesstatistik und der von rapider Alterung bedrohten Zielvorstellung, die Zahl der Armen, der Hungernden und Verhungerten zu halbieren. Dieses humane und notwendige Ziel wird – das ist heute schon abzusehen – auch zu den verhungerten Visionen gehören. Die Todesursachen: Verbale Elefantiasis und die Mangelerscheinung eines Mutes zur politischen Kurskorrektur.
Der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann nannte im Gegensatz zu einer Jahrhunderte alten Schul-, Volks- und Politikerweisheit den „Frieden den Ernstfall“ – und nicht den Krieg. Eine zivile Weltgesellschaft kann nicht mit Mitteln auf- und ausgebaut werden, die sich einer Ethik verdanken, die ebenso archaisch in die Steinzeit gehört wie sie sich mit moderner Hochtechnologie, mit nationalen oder ökonomischen Interessen bequem verbinden kann. Ich spreche von der Moral, die sich am Recht des Stärkeren orientiert und nicht an den sozialen Menschenrechten. Diese hat sich unwidersprochen die Völkergemeinschaft in der UNO 1966 gegeben. Sie sind - wie die individuellen Menschenrechte - die Magna Charta eines jeden zivilen Friedensdienstes. Nach diesem „Zivilpakt“ verpflichten sich die Staaten, Folgendes zu gewähren:
Recht auf Leben, Folterverbot, Verbot von Sklaverei und Zwangsarbeit, Verbot willkürlicher Freiheitsentziehung, Recht auf angemessene Behandlung in der Haft, Schutz vor Eingriffen in das Privatleben. Hinzu kommen im ebenfalls verabschiedeten Wirtschafts- und Sozialpakt: Das Recht auf Bildung von Gewerkschaften und auf soziale Sicherheit, die Rechte auf ausreichende Ernährung, Bekleidung und Wohnung, sowie Gesundheitsfürsorge, auf Bildung und Teilnahme am kulturellen Leben. Zum Sozialpakt und seinen „Anspruchsrechten“ erklären die Staaten feierlich: „ …nach und nach mit allen geeigneten Mitteln…die volle Verwirklichung der in diesem Pakt anerkannten Rechte zu erreichen.“ In über 50 Resolutionen wurden sie bekräftigt und im Blick auf den Schutz von Kindern Frauen, Flüchtlingen und Minderheiten konkretisiert.
Zur Zeit ist die Sorge um Globalisierung von Kapital, von Geschäfts- und Urlaubsreisen, von Informationen und Einflussnahmen größer als die Bemühung, diese Rechte zu globalisieren, d.h. sie den Menschen zukommen zu lassen, denen sie fehlen.
Lese ich die Liste dieser Rechte, dann enthalten sie die basic needs einer zivilen Weltgesellschaft und zugleich jene basic needs, die der Jude aus Nazaret mit Namen Jesus formulierte, als er sich identifizierte mit denen, die hungern, die kein Wasser haben, keine Kleidung, die ohne ein Dach über dem Kopf leben, die krank oder gefangen sind. „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan!“ So heisst seine menschliche Botschaft in einer Menschheit, über deren Kapazitäten zur Inhumanität er sich keinen Illusionen hingibt (Matth 25,31ff). Die Zahlen zu den heutigen Defiziten an Brot, Wasser, Kleidung, Obdach, Gesundheit und Freiheit, wovon er spricht, sind uns allen bekannt.
Religiöse wie areligiöse Menschen sind damit eingeladen, nicht ihre Religiosität zu pflegen oder ihre Areligiosität zu kultivieren. Es gilt, jene Leute nicht aus dem Blick zu verlieren, die auf einem reichen Globus am Reichtum und an den Möglichkeiten humaner Lebensentfaltungen nicht teilhaben. Ich muss das sagen, weil wir heute grauenhafte Religionsformen kennen, die politisch äußerst wirksam sind. Es ist kein Privileg der Religionen, sich zur Feindbildproduktion, zur Machtpolitik oder zur Verharmlosung brutaler Realitäten missbrauchen zu lassen. Sie haben das mit politischen und ökonomischen Konzepten gemeinsam. Ich rede an dieser Stelle nicht mehr von den zum Glück als Machtfaktoren überwundenen Systemen des Nationalsozialismus oder des Kommunismus, sondern von gängigen Entwürfen politischen und wirtschaftlichen Handelns. Auf eine erschreckende Weise ist die Fähigkeit zur Selbstkritik ebenso abhanden gekommen wie die, sich mit den Augen und Erfahrungen der Zukurzgekommenen zu sehen.
Eine zentrale biblische Weisheit hält fest: „Frieden ist die Frucht der Gerechtigkeit“ (Jes 32,17). Kein Frieden ohne Gerechtigkeit, ohne Überwindung des massenhaften Unrechtes und der Einschränkungen der Rechte auf ein weniger gefährdetes Leben. Der herrschenden Gewalt – sei es die der Herrschenden oder die der Beherrschten – wird nicht mit Gewalt begegnet, sondern mit ihrer Alternative, also mit Recht. Nur das lässt mich die Menschen mit ihren menschlichen Gesichtern, seien sie noch so verletzt, wirklich sehen. Dann sind sie weder durch die Schminke schönrednerischer Propaganda noch durch uns manipulierende Falschmeldungen oder durch gut bezahlte PR-Tricks entstellt. Die großen Lehrer, z.B. Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela, haben zum Glück heute viele kreative LehrerInnen sowie SchülerInnen, die sich an diesem zivilen Friedensdienst beteiligen.
Ein gewaltbereites Denken und gewalttätiges Handeln lügen die Opfer weg, wollen ihre zerfetzten Leiber weder zeigen noch sehen. Sie wollen dem Anblick von Leid und Elend nicht aushalten. Die Zensur braucht heutzutage keine staatlichen Bürokratien und ideologischen Büros mehr. Sie implantiert Löschtasten in Augen, Gehirne und Gewissen, die mit einer gefälligen Software verschwinden lassen, was mein Weltbild oder meine Denkgewohnheiten stört.
Gewaltfreies Handeln hält den Menschen und ihrem Gesichtern stand – bevor sie Opfer werden und nachdem sie Opfer geworden sind. Gewaltloses Handeln arbeitet präventiv, also Gewalt verhindernd oder vermindernd. Nur so eröffnet dieses Handeln Friedensperspektiven. Es lehnt die Pose ab, im autokratisch benutzten Namen des Volkes, des Proletariats, einer nationaler Sicherheit, der Rohstoffsicherung, der Demokratie oder im Namen einer göttlichen Mission sich selbst zu überhöhen und somit sich von den real existierenden Menschen und den real existierenden Unmenschlichkeiten zu entfernen. Die Friedensruinen in Somalia, im Kongo, im Kosovo, in Afghanistan, im Irak, in Israel/Palästina oder sonst wo illustrieren die Sackgassen, in die eine Parole „Frieden schaffen mit Waffen“ führt. In Wahrheit handelt es sich um Aberglauben, um ein fundamentalistisches Dogma, das sich einredet, „Frieden sei nur mit Waffengewalt“ zu erreichen.
Nachdem Jahrhunderte der Weg der Gewalt probiert wurde, ist es an der Zeit, den Weg der Gewaltfreiheit, d.h. des Rechtes zu gehen. Konflikte wird es immer geben. Sie zu regeln bleibt notwendig. Die Instrumente des Rechtes, wozu besonders die stärker durchzusetzenden Menschenrechte, ein weiter zu entwickelndes Völkerrecht und eine soziale Gerechtigkeit gehören, stehen zur Verfügung. Der Zivile Friedensdienst und seine Alternative zur Gewalt greifen zu den Instrumenten für morgen und nicht zu denen von gestern. Er lädt nachdrücklich immer mehr Gruppen, Völker und Einzelne ein, Anwälte dieses zukunftsfähigen Rechtes zu werden, also „Rechtsanwälte“ dieses menschlichen Rechtes.
Recht ist die einzige Alternative zur Gewalt. Wer nicht will, dass das Recht des Stärkeren sich durchsetzt, also das sozialdarwinistische Gesetz des Dschungels – es wurde in Deutschland von 1933 bis 1945 an die Macht gewählt – der arbeitet wie das Forum Sozialer Friedensdienst für die Stärke des Rechts. Derjenige wirft seine Menschenwürde weg, der unter Ausschaltung der Tötungshemmung, durch die Definition von Zentren der Ungläubigen sowie von Achsen des Bösen aus der Ferne mit Panzern und Raketen und aus der Nähe mit Selbstmordattentaten Menschen vernichtet. So wird auf eine doppelte Art und Weise nicht nur die Menschenwürde des anderen verletzt, sondern auch die eigene: Man entwirft ein Bild von sich als Verteidiger der Freiheit und ein Bild vom anderen, das dessen Erniedrigung erlaubt. Eine große Koalition us-amerikanischer, chinesischer, russischer und anderer politischer Führungskräfte legitimiert mit ihrer Definitionsgewalt dessen, was Terrorismus sei, eine Gewalt, die blind jede Selbstkontrolle verliert. Sie alle bestärken eine Moral, die für kleine Völker und entstaatlichte Warlords ebenso attraktiv ist wie für viele Menschen, die sie im Nahbereich von Strasse, Schule oder Nachbarschaft auch gerne anwenden. Die Vorbilder sind ja ebenso groß wie attraktiv.
Niemand bezichtige jene, die - wie die NGO’s - für Frieden und Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Versöhnung eintreten, der Blauäugigkeit. Sie sind keine „Gutmenschen“, als die sie von jenen verhöhnt werden, die sich nichts unter die Haut gehen lassen und die sich dadurch ein kritisches Verhalten sich selbst gegenüber und denen gegenüber ersparen, die man dann doch „Bösmenschen“ nennen müsste. So wiederum verschonen sie sich, die Opfer unmenschlicher Politik wahrzunehmen.
Sie bleiben unter Verzicht auf Kritik „embedded“ in der Front affirmativerer Voyeure. Sie bleiben an der Oberfläche. Sie handeln wie der brasilianische Erzbischof Helder Camara. Er stieß auf gediegenen, bürgerlichen Beifall, wenn er Brot an hungernde Kinder verteilte. Man nannte ihn einen Kommunisten, wenn er fragte, warum Kinder hungern und verhungern. Wer im zivilen Friedensdienst tätig ist, weiss - wie die schon erwähnten Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela - sehr genau, wie hart ziviler Friedensdienst ist. Sie alle wissen, dass Recht zu seiner Durchsetzung nicht nur Ausbildung, Gesprächsfähigkeit und Zivilcourage (sie wird im Gegensatz zur Militärcourage zu wenig gebraucht, ist aber nötiger als diese) benötigt, sondern auch Sanktionen braucht. Das Recht ist kein zahnloser Tiger. Deshalb treten die im zivilen Friedensdienst Aktiven für die Stärkung, ja Reform der UNO, ihrer Polizeiaufgabe und vor allem der internationalen Handelstrukturen ein. Der Asymmetrie im Militärischen und Industriellen entspricht eine Asymmetrie in den internationalen Marktregeln zwischen den Reichen und den Armen.
Auf Anregung des Internationalen Versöhnungsbundes, dessen Jugendsekretär einst Dietrich Bonhoeffer war, riefen noch lebenden Friedensnobelpreisträger gemeinsam auf, den Zeitraum von 2001 bis 2100 zu einer „Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für Kinder“ zu machen. Rufer in der Wüste? Die Wüste besteht aus Betonplatten der Gewohnheit, die sich bestens mit den Panzerplatten harter Interessen verbinden. Trotzdem halten sie nicht ewig, wenn der Weg in die Zukunft in einer „Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit“ gegangen wird.
Der Krieg gegen die Armen wird nicht nur mit Raketen geführt, sondern auch mit der Illusion, man könne mit Raketen und Panzern im Krieg gegen den Terrorismus siegen. Der Krieg gegen die Armen wird mit der Propaganda geführt, man kämpfe für die „Freiheit“, vergisst aber dass die abstrakte Freiheit sehr konkrete Geschwister hat: z.B. die Befreiung von Hunger und Krankheit, Vertreibung und Vergewaltigung, Unterdrückung und Analphabetismus.
Der Krieg gegen die Armen wird mit dem Patentrecht geführt, das Rechte und Rendite der Pharmaindustrie höher schätzt als das Lebensrecht der an eindämmbaren Seuchen Erkrankten.
Der Krieg gegen die Armen wird von einem Demokratieverständnis gespeist, dass große Teile der gegenwärtigen Welt einer demokratischen Kontrolle entzieht. Ich spreche von der Dominanz großer Investitionsinteressen sowie vom grenzenlos frei floatenden Kapital. Noch gibt es in den Industrieländern keine Mehrheit für die Tobin-Steuer zur Besteuerung spekulativer Kursgewinne.
Der Krieg gegen die Armen wird auf der anderen Seite geführt mit der Lüge, dass menschenverachtende Terroristen und Selbstmordattentäter die Sache der Armen und Entrechteten verträten. Sie vertreten so wenig die Sache der Völker wie Hitler, Stalin, Pol Pot, Idi Amin oder Pinochet dies taten.
Der Krieg gegen die Armen wird geführt mit der unkontrollierten Eigendynamik der Rüstungsindustrie und des internationalen Waffenhandels. Dazu gehört nicht nur der Handel mit Produkten zur Herstellung von A-, B- oder C- Massenvernichtungsmitteln. Zu den Massenvernichtungswaffen gehören längst alle Kleinwaffen und Landminen.
59,5 % aller Toten sterben an Folgen der Armut. Das ist eine der vielen Zahlen, die den Schlaf vieler Zeitgenossen nicht stören. Das individuelle und kollektive Schicksal der Millionen Toten taucht in den aktuellen Nachrichtensendungen der Medien äußerst selten auf. Das elende Sterben in der Ferne ist auch nicht mehr gewöhnungsbedürftig. Man hat sich ja schon daran gewöhnt. Es hat angesichts der ständigen Kriege und Bürgerkriege keinen News-Wert. Ein Überfluss an fiktionaler Gewalt und realer Gewalt verwischt vielen Erwachsenen und noch mehr Kindern die Sensibilität für fremdes Leiden.
Der von den Nazis umgebrachte Theologe Dietrich Bonhoeffer bilanzierte im Gestapo-Gefängnis 1943 zehn Jahre deutsche Kriegsvorbereitung und Kriegsführung. Für ihn ist die „Dummheit“ vieler, gerade auch der klugen Köpfe, ein Grund dafür, dass es zu diesem Massen- und Völkermord kam. Man wollte nicht wissen, was zu wissen ist. „Dummheit“ ist für Bonhoeffer ein ethisches, ein moralisches Defizit, kein intellektuelles. Das Wappentier dieser Leute ist der Vogel Strauss.
Das im Balkan-Krieg geprägte Wort vom „Kollateralschaden“ entlarvt ebenso viel wie es verschleiert. Eine breitere moralische Entrüstung rufen höchstens Kindersoldaten und Warlords in der hiesigen Öffentlichkeit hervor. Das sind ja auch nicht wir, die zivilisierten und hoch industrialisierten Nationen. Das passiert bei den „Wilden“. Der koloniale Blick schlägt voll durch. Ein neuer Blick sehen der Weltkirchenrat in Genf und der Vatikan in der von ihnen vertretenen „eindeutigen Option für die Armen und für Gewaltfreiheit.“
Nein, die Verhältnisse und Ethiken des Unrechts müssen nicht so bleiben. Am Beginn der Wiederaufrüstungsdebatte sang 1952 ein Mainzer Studentenkabarett den Vers von der Unabänderlichkeit des Krieges.
Kriege muss es immer geben.
Kriege müssen sein.
Denn der Krieg gehört zum Leben
Wie die Prothese ans Bein.
Wie Gewitter und wie Börsenkurse ist Krieg von der Mehrheit als ein Naturereignis hingenommen worden. So wurden einst auch Pest, Sklavenhandel, Kinderarbeit oder Apartheid angesehen. Sie sind in weiten Teilen der Welt abgeschafft, weil es Minderheiten gab, die diese Unmenschlichkeiten nicht länger hinzunehmen bereit waren. Die Ausstellung in der GTZ zeigt ähnlich wache Menschen und ihre Aktivitäten, die eine neue Wahrnehmung der Wirklichkeit von heute haben. Sie lassen sich weder von Denkgewohnheiten der Vergangenheit noch von der Durchschlagskraft der Gewalt faszinieren oder lähmen. Sie tun das heute Notwendige, damit die Zukunft notwendigerweise ein wenig menschlicher wird. Dafür ist auch an dieser Stelle Dank zu sagen.