Streiten für den Menschen
aktuell
über uns
Martin Niemöller
Hilfe

zurück

Artikel vom 2. 10. 2005

Dank an die Hermann-Maas-Stiftung

Von Martin Stöhr

Mit einem Festakt im Rahmen der Gedenkfeiern zum 27. Januar überreichte in Heidelberg Landesbischof Ulrich Fischer am 27.1.2004 den Hermann-Maas-Preis an Martin Stöhr. Dieser Preis erinnert an den ehemaligen Prälaten Hermann Maas (1877-1970) und seinen außerordentlichen Einsatz für den christlich-jüdischen Dialog. Martin Stöhr habe mit seiner theologischen Arbeit am christlich-jüdischen Dialog wichtige Wegmarken gesetzt, heißt es in der Begründung.

Von Hermann Maas ist zu lernen, sich Ziele zu setzen, die die Alltagsarbeit eines Menschen – egal in welchem Beruf – durchdringen, Ziele, die jene Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren, die in ihrer  Würde und in ihren Rechten bedroht sind.

Das Jahr 1933 findet ihn nicht unter den Zuschauern, nicht unter den Jublern, nicht unter den Wählern der großen Koalition aus NSDAP und konservativer Deutsch-Nationaler Volkspartei, denen das deutsche Volk die Macht übergab. Dieses nationalistische Bündnis übernimmt das nie geheim gehaltenen Programm eines Rassismus, der das jüdische Volk – und hier in Heidelberg, am Ort ihres eindrucksvollen Kultur- und Dokumentationszentrums darf das nicht vergessen werden – auch die Roma und Sinti zu Untermenschen definiert, herabwürdigt, ausgrenzt, verfolgt, ins Exil treibt oder schließlich in die Vernichtungslager deportiert.

Alles geschieht öffentlich. Verwaltung und Universität, Schulen und Medien, Industrie und Militär, auch die Kirchen funktionieren weiter. Wenige Menschen legen sich quer, widersprechen, helfen, retten. Hermann Maas gehört dazu. Die Erinnerung an ihn ist wach zu halten wie es ein Wald in den Gilboabergen und ein Baum in der Allee der Gerechten in der Gedenkstätte Yad Vashem zu Jerusalem tun.

Herrn Norton und seiner noblen Hermann-Maas-Stiftung gebührt ein großer Dank, dass er uns allen hilft, zu erinnern, was geschah und was sich nicht wiederholen darf - an keinem Volk, an keiner Gruppe, an keinem Menschen.

Pfarrer Maas ist ein wacher Zeitgenosse, der nicht wegschaut. 1925 wird er – nicht zum ersten Mal - denunziert mit folgenden vier Vokabeln, die alle Schimpfworte in der damaligen Zeit waren – mit denen auch Albert Einstein  belegt wurde:

Er sei ein "Pazifist", ja sagt er, ein christlicher, der am 1. August 1914 mit Engländern und Franzosen, also mit Feinden, den "Internationalen Versöhnungsbund", den Bund für Freundschaftsarbeit der Kirchen, in Konstanz gründet, dessen Jugendsekretär Dietrich Bonhoeffer später wird.

Er sei ein "Demokrat" in der mehrheitlich verhassten sog. "Judenrepublik" der Weimarer Zeit: Mit der Ablehnung dieser humanen Gesellschaftsform hat unsere deutsche Gesellschaft gehorsam gegenüber unmenschlichen Kommandos unendliches Leid über ganz Europa gebracht.

Er sei ein "Marxist", weil er sich kirchlich wie politisch für mehr soziale Gerechtigkeit engagiert und bei der Beisetzung Friedrich Eberts, der aus der Kirche ausgetreten war, spricht; am Grab jenes ersten demokratisch gewählten Präsidenten, dessen Einladung die Rektoren aller deutschen Universitäten, weil die Einladung eines ehemaligen Sattlergesellen (!), einst elitär ausschlugen.

Er sei ein "Judenfreund", (bei A. Einstein heisst es, er sei ein Zionist) weil er klar sieht, dass Judentum und Christentum aus der selben Wurzel stammen, weil er seit seiner Teilnahme am sechsten Zionistenkongress 1903 in Basel mit Leidenschaft sich für das Recht des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat und für dessen Leben in Sicherheit und Frieden einsetzt, weil er nach 1933 Jüdinnen und Juden zu retten hilft, weil er früh sich für eine Beziehung zwischen Juden und Christen einsetzt, die zu einer Begegnung auf gleicher Augenhöhe führt und nicht das Judentum als vom Christentum enterbt und überholt ansieht und verachtet.

Konsequent findet er sich 1946 unter den vier deutschen Teilnehmern, die in Oxford den Grundstein zum "Internationalen Rat der Juden und Christen" legen, der heute seinen Sitz im ehemaligen Wohnhaus von Maas' Freund Martin Buber hat, in Heppenheim. Vor genau 60 Jahren, 1944, wird er nach zahllosen Verhören, seines Amtes enthoben und zur Zwangarbeit ins Elsass deportiert. Er ist der erste Deutsche, der 1949 eine Einladung der Regierung von Israel erhält.

Sie ehren heute einen Lehrling von Hermann Maas, dessen Lehrzeit noch nicht zu Ende ist. Wir alle leben in ungleich leichteren Verhältnissen. Er riskierte sein Leben. Ihn zeichnen Zivilcourage und Gottvertrauen aus – vielleicht, ja gewiss: Das ist dasselbe.

Einen Preis mit seinem Namen zu erhalten, berührt und beschämt mich tief. Ich danke Herrn Norton und der Stiftung von Herzen. Ich danke Herrn Bischof Dr. Fischer und Frau Oberbürgermeisterin Weber für Ihre Worte und den würdevollen Rahmen, den sie am 27. Januar, dem Tag, an dem Auschwitz befreit wurde, schufen. Ich danke allen, die kamen. Vor allem aber danke ich den Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie den Schülerinnen und Schüler, die mit dem Projekt "Spurensuche jüdischen Lebens" und den daraus erwachsenen Ausstellungen auf einer Spur des Lebens bleiben, die menschenfreundlich und lebenrettend wirkt.

Noch stehen wir am Anfang, die Beziehungen zwischen Juden und Christen, Deutschen und Israelis, zwischen Mehrheiten und Minderheiten zu erneuern. Noch ist viel zu lernen, um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Traditionen zu humanisieren, damit niemand Angst hat, weil er oder sie nicht wie die Mehrheit denkt, singt, betet, lacht, wohnt oder kocht.  Bleiben wir auf der Spur der jüdischen und der christlichen Bibel, die so vieles gemeinsam haben, also auf der Spur der Propheten und Apostel und des Juden Jesus – sie alle wären nach den Nürnberger Gesetzen für Auschwitz oder Treblinka bestimmt gewesen. Auf ihren Spuren wird unsere Gesellschaft weniger antisemitisch, weniger ausländerfeindlich, weniger rassistisch, weniger nationalistisch, weniger gewalttätig  und weniger gleichgültig. Hermann Maas wird sich freuen: Es sind die Aufgaben des Friedens, der Gerechtigkeit, der Demokratie und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk, die damals angepackt zu haben ihm Diffamierung einbrachte, die heute nicht anzupacken Verrat am Menschen wäre, für die einzutreten, Hermann  Maas uns ein Vorbild bleibt.

  Druckansicht   


zurück