Von Martin Stöhr
Vortrag vom 3. April 2005 in Jerusalem vor The Israel Interfaith Association und Konrad Adenauer Stiftung
Heidnische Kritik am Christentum sagt: Das Christentum ist staatlich unzuverlässig, weil es eine absolute und kritische Autorität jenseits der kaiserlich-göttlichen Autorität und jenseits der polytheistischen Gewalten anerkennt – den einen Gott Israels und der Völker. Dadurch ist gegenüber allen anderen Mächten jede absolute Loyalität der an diesen Gott Glaubenden gebrochen.
Ein Kritiker des Judentums und des Christentums, der neuplatonische Philosoph Kelsos, wirft um 180 n. Chr. dem Christentum vor, es sei „jüdischen, also barbarischen Ursprungs“. Zwar seien die „Barbaren imstande Lehren aufzustellen, aber die Griechen seien (ihnen) überlegen, solche Lehren zu beurteilen, zu begründen und in die Praxis umzusetzen.“ Kelsos beruft sich auf Platon, wenn er darauf hinweist, dass jede geoffenbarte Religion auf eine alte Weisheit zurückgehe und „stets von den weisesten Völkern und Städten und von weisen Männern festgehalten“ wurde. Seine Lehre habe „auch Moses bei weisen Völkern und berühmten Männern vorgefunden und sich angeeignet.“ So gewiss Kelsos eine unnennbare, oberste Gottheit als Grund aller Wahrheit anerkennt, so wichtig ist ihm die göttliche Würde des Kaisers. Daraus folgert er: Was ist denn Schreckliches dabei, unter den Menschen dem Kaiser einen Eid zu leisten? „Ist diesem doch die Herrschaft auf Erden verliehen, und was du im Leben empfängst, empfängst du von ihm!“ Wenn diese göttliche, zentrale Macht des Kaisers nicht anerkannt werde, dann wird das „gesamte Erdreich von den wildesten und gesetzlosesten Barbaren beherrscht.“ Dann erinnert Kelsos an die Ohnmacht des einen Gottes den Juden und Christen anrufen. Ihr Gott helfe ihnen nicht. „Statt Herren der ganzen Erde zu sein, ist jenen (d.h. den Juden) nicht ein Stück Land, ja nicht einmal ein Herdfeuer geblieben, während sich von euch (d.h. den Christen) zwar noch immer der eine oder andere versteckt hält oder flüchtig ist, aber sicher bald aufgespürt und der Todesstrafe zugeführt wird.“[1] Nach dem römischen Grundsatz „do ut des“ zahlt Religion sich auch in Erfolg und Machtgewinn aus.
Origenes verweist auf Abraham. Er habe für Sodom gebetet. In der alten machtkritischen Haltung des frühen Christentums vergleicht er Rom mit Sodom und beansprucht für die Christen sehr wohl, für das Wohl Roms zu arbeiten, z.B. durch das Gebet. Auch eine Minderheit sei nach Jesus wie das Salz der Erde (Mt 5,13) nötig, eine Gesellschaft zu erhalten. Die Christen „leisten sie dem Kaiser bessere Dienste als alle Soldaten, die ins Feld ziehen und so viele Feinde töten, wie sie können.“[2] Beten dient Gott umfassend.
Unbestritten ist unter allen Auslegern des Neuen Testamentes, dass die Botschaft Jesu von der Nähe des erwarteten Gottesreiches eine verbindliche Botschaft des Friedens, der Gerechtigkeit und der Gewaltlosigkeit einschließt. Jesu Auftreten ist gewaltfrei. Er antizipiert Hoffnungen und Inhalte des kommenden Gottesreiches in der Gegenwart, zieht sie ins Leben. Die damit verbundene Ethik des Friedens wird in der Bergpredigt als eine Interpretation der Tora entfaltet. Sie ist bestimmt durch die messianische Hoffnung der Propheten auf ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Es ist eine Ethik, die von den Nachfolgern Jesu zu leben und zu tun ist. Sie gerät in Konflikt mit dem Grundkonzept des Römischen Reiches: Einheit durch Gewalt und durch Religion.
In der Zeit Jesu und der Apostel wird heftig gestritten um das richtige Verstehen und Tun der hebräischen Bibel. Die Offenbarung Gottes an Israel, ist letztlich die gemeinsame Basis der verschiedenen Strömungen im Judentum, auch der christusgläubigen Gruppen. Aber: Die Bibel Israels allein richtig zu verstehen führt später zu dem christlichen Monopolanspruch, der alleinige Erbe des jüdischen Volkes, das „wahre Israel“ zu sein. Daraus erwächst jene breite christliche Tradition, sich selbst als „Religion der Liebe“ zu deklarieren und das Judentum mit der Rede von einem „rachsüchtigen und gewalttätigen Gott“ abzuwerten.
Diese Position wird früh von dem aus Pontus stammenden Schiffsreeder Markion vertreten. Er gibt sein ganzes Vermögen der christlichen Gemeinde in Rom für die Armen. Gerechtigkeit, Liebe und eine prinzipielle Verneinung jeder Gewalt kennzeichnen seine Position. Er gibt den Anstoß, dass auch die Christen über den Tenach hinaus ihre eigenen Heiligen Schriften sammeln. Markion verlangt den Abschied von der hebräischen Bibel. Dort spreche nur der Schöpfergott, der das Böse geschaffen habe. Markion will als Heilige Schrift der Christen nur das Lukas-Evangelium und die Paulusbriefe gelten lassen. Das provoziert christlichen Widerspruch. Man will „Mose und die Propheten“, die „Schriften“, die Tora, d.h. die ganze Schrift, nicht aufgeben. Die Kirche bekennt sich zur Bibel Israels als ihrer Heiligen Schrift. Aber sie beginnt nun auch, die Schriften der Apostel zu sammeln und als zweiten, kleineren Teil der Bibel hinzu zufügen – eine Midrasch zum Tenach. Markion wird im Jahr 144 aus der Gemeinde ausgeschlossen. Seine Sponsorengelder werden ihm zurückgegeben. Man muss allerdings sagen, dass nur ein Strang des markionitischen Denkens in der ganzen Kirchengeschichte lebendig blieb – nicht sein Pazifismus, wohl aber seine Abwertung der Hebräischen Bibel und Israels.
Wer nun auf Markions Spuren sagt, dass „Krieg“ und „Gewalt“ im Alten Testament dominieren und „Liebe“ und „Frieden“ im Neuen Testament, der übersieht folgende Fakten:
Im Machtkampf um die Vorherrschaft hat – so die Legende – Konstantin (306-337) eine Vision. Er werde seinen Konkurrenten Maxentius im Zeichen des Kreuzes besiegen. Er siegt. Für Konstantin der Beweis, wer der stärkere Gott ist und welche Menschengruppe als politischer Machtfaktor jetzt zu berücksichtigen ist. Schon 314 verbietet die Synode von Arles Christen, den Kriegsdienst zu verweigern. Theodosius wird zwei Generationen später den „Heiden“ verbieten, Soldaten eines christlichen Kaisers zu werden. Arles ist auch jene Synode, auf welcher der Kaiser seine Arbeitsteilung zwischen kaiserlicher und religiöser Gewalt bestimmt. Er erklärt den Bischöfen: Gott habe ihn zum Bischof (episcopos ton ektos) = Aufseher der äußeren Dinge oder - anders übersetzt - der Außenstehenden, d.h. der Heiden, gemacht. Die Bischöfe habe er zu Aufsehern über die inneren Dinge bestellt.[3] Wie dieses Wort auch zu deuten ist, es beansprucht die Sphäre äußerlicher Gewalt für den Kaiser und überlässt die innere Welt religiöser Fragen den Bischöfen. Diese sind froh, endlich alle Verfolgungen hinter sich zu haben. Die blutigen Verfolgungen unter Diokletian (284-305) liegen erst wenige Jahre zurück.
Konstantin ist an einer einheitlichen Religion im Imperium Romanum interessiert. Gefährdet erscheint sie ihm und seinen Nachfolgern Einheit durch die anstürmenden Perser, Goten, Vandalen oder Germanen. Diese Situation fragt die zur Staatskirche werdende Christenheit, ob sie sich an der Verteidigung „ihres“ Vaterlandes beteiligen wollen. Hinzu kommt: Einheit und Handlungsfähigkeit des Imperiums sind auch durch den regionalen und theologischen Pluralismus in den rasch sich ausbreitenden Kirchen gefährdet.
In ihnen geht zentral auch und immer wieder um ethische Fragen, wie zum Beispiel das Problem des Militärdienstes, des Eides, der Familien- und Sexualethik, der Asketen durch das in Ägypten entstandene Mönchtum. Ständig auch um den Umgang mit den „lapsi“, d.h. mit denen, die in der Verfolgung mit staatlich-heidnischen Kulten kollaboriert hatten. In allen Fragen standen „liberalere“ Positionen gegen „rigoristischere“ Haltungen in unterschiedlichen christlichen Strömungen. Aber auch im Streit um einen einheitlichen Ostertermin will sich der Kaiser mit kaiserlicher Autorität im Interesse der Einheit durchsetzen. Folgt der Osten weitgehend der jüdischen Praxis der Berechnung des Pessachfestes, so will der Westen – oft mit antijüdischen Begründungen – die Verbindung zum Judentum abschneiden.
Den Prozess einer einheitlichen Religion geht Konstantin ebenso vorsichtig wie energisch an; vorsichtig, indem er das Christentum zunächst zur „Religio Licita“ erklärt, es also anderen Religionen gleichstellt. Diesen Status einer „zugelassnen Religion“ hatte das Judentum schon. Energisch handelt Konstantin, indem er sich selbst die letzte Verantwortung und Autorität für die kirchlichen Synoden zuteilt. Er allein beruft die Synode von Nicäa (225) ein; er leitet sie auch. Der römische Bischof ist entbehrlich, nimmt also nicht teil. Hier beginnt der theologische Weg einer katholischen, d.h. umfassenden Orthodoxie. Nach mehreren ökumenischen Synoden verbindet sie mit ihrem Credo die unterschiedlichen christlichen Konfessionsfamilien bis heute.
Es ist nicht zu leugnen, dass sich im Wunsch nach einer einheitlichen christlichen Religion auch eine tiefe christliche Sehnsucht ausdrückt, die dem Gebet Christi folgt („ut omnes unum sint“, Joh 17,21): „auf dass alle eins seien“. Andererseits ist die politische Gewalt nicht zu übersehen, die das Christentum instrumentalisiert und zähmt.
Diesen Prozess vollendet Kaiser Theodosius I (379-395) mit äußerster Konsequenz. In seinem Edikt von 380 ordnet er nach einem Bekenntnis zur Trinitätslehre an: „Nur die, die diesem Gesetz folgen, so gebieten wir, dürfen katholische Christen heißen; die übrigen aber, die wir für toll und wahnsinnig halten, haben den Schimpf ketzerischer Lehren zu tragen“.[4] Ihre Versammlungsorte dürfen nicht als Kirchen bezeichnet werden. „Endlich soll sie vorab die göttliche Vergeltung, dann aber auch unsere Strafgerechtigkeit ereilen, die uns durch himmlisches Urteil übertragen ist.“[5] Es ist festzuhalten, dass Zorn und Verfolgung der sich herausbildenden katholischen Kirche zuerst den Häretikern, dann den Heiden und zuletzt den Juden gelten.
Die Beziehung zur Mutter Israel wird in unterschiedlicher Schärfe dargestellt. Zentral ist dabei der kirchliche Monopolanspruch, jetzt das „wahre Israel“ (Verus Israel) zu sein. Als Grund dafür wird die Ablehnung, ja Hinrichtung Jesu durch das jüdische Volk genannt. Dieser kollektive Vorwurf entlastet die römische Staatsgewalt – obwohl Pontius Pilatus im Credo namentlich genannt wird und er belastet das jüdische Volk. Die christlichen Bündnisse mit der Staatsmacht auf Kosten des Judentums vergiften die jüdisch-christlichen Beziehungen auf fast 2000 Jahre. Der selbsternannte Erbe postuliert den Tod der Erblasserin Israel, die doch seine lebendige Mutter und Schwester ist.
Die christliche Polemik gegen das Judentum beim Auseinandergehen der Wege produziert ein offenes und latentes Gewaltpotential. Es ist jederzeit abrufbar, wie das Beispiel des Bischofs von Mailand, Aurelius Ambrosius[6] (339-397) zeigt, eines Vaters der christlichen Kirchenmusik. Nach einer Prozession zu Ehren der Makkabäer-Brüder, die als Märtyrer und Heilige in hohem Ansehen der frühen Christenheit stehen, verbrennen unter Führung des Bischofs die Mönche in Kallinikon (am Euphrat) zuerst eine Kirche von „Häretikern“ (sog Valentinianer), dann die Synagoge. Kaiser Theodosius weist den Bischof an, die Synagoge wieder aufzubauen und die Täter zu bestrafen, denn die „Sekte“ der Juden sei nicht verboten. Ambrosius schaltet sich ein und erklärt sich mit dem Bischof solidarisch: „Ich erkläre, dass ich die Synagoge in Brand gesteckt habe…, damit es keinen Ort mehr gebe, wo Christus geleugnet wird!“ Die Synagoge gilt ihm als „Haus der Gottlosigkeit, als Zufluchtsort des Wahns, den Gott selber verdammt hat!“ Der Kaiser gibt klein bei.[7]
In klassischer Weise bündelt Johannes Chrysostomus (354-407) alle antijüdischen Vorbehalte, weil in seiner syrischen Region viele Christen selbstverständlich an den Festen und Gebräuchen ihrer jüdischen Nachbarn teilnehmen. Mit glänzender Rhetorik liefert er in seinem Wunsch nach Abgrenzung allen christlichen Konfessionsfamilien Munition für christliche Attacken auf Juden – bis heute. Unter Theodosius wird eine theologisch korrekte christliche Lehre zum Staatsgesetz. Was eine Irrlehre ist, stellen Bischöfe oder Synoden fest. Die Verfolgung der Häretiker, später der Heiden und Juden, wird zur Aufgabe der staatlichen Gewalt oder des Volkes, dem man Sündenböcke zeigt.
Im Lauf der Jahrhunderte findet ein bemerkenswerter Tausch statt: Seitdem die Regierung christlich ist, argumentiert die Machtkritik der christlichen Untertanen immer weniger mit dem Ersten Gebot oder mit der radikalen Ethik der Bibel gegen die Allmacht des Kaisers. Das Wort aus der Apostelgeschichte „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“(Ap Gesch 5,29) tritt zurück. Mehr und mehr wird der verkürzt verstandene Vers aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom wichtig: „Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat“ (Röm 13,1).[8]
Von Karl dem Grossen (768-814) gilt: Er ist der Vater sowohl Frankreichs wie Deutschlands. Zugleich knüpft er erneut an die Tradition des Römischen Reiches an. Das zeigen seine Bestrebungen, die Reichseinheit herzustellen wie auch eine einheitliche Religion in den Dienst des Staates zu stellen. Ein Teil der Sachsen wird mit militärischer Gewalt in die Kirche eingegliedert. Das Reich der Bayern und der Langobarden wird durch Heirat integriert. Karl ist der mächtigste Fürst des Abendlandes. Politische und wirtschaftliche Beziehungen verbinden ihn mit dem Kalifen von Bagdad. Karl betrachtet sich als „Rex et Sacerdos“, als König und Priester. Wie selbstverständlich bezieht er Gottes Anrede an ganz Israel (aus Ex 19,5 und 6) auf sich selbst: „Und nun, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, so sollt ihr mir vor allen Völkern mein Eigentum sein; denn mein ist die ganze Erde. Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern werden und ein heiliges Volk.“
Der Hofstaat huldigt ihm mit dem Titel „König David“. Auch in dem Priesterkönig Melchisedek (Gen 14) sieht Karl ein Vorbild für seine Herrschaft. Schon sein Vater hatte sich anreden lassen mit „strahlend leuchtender David“. Josuas Kriege werden vorbildlich, auch die Mitwirkung der Priester vor Jericho (So später Thomas von Aquin zu Jos 6,4 und 4. Mose 10,9)[9] Sich Glanz und Autorität von biblischen Gestalten zu leihen, war eine Praxis, die auch andere Könige und Päpste übten. Waren es vor Konstantin die Makkabäerbrüder, die als Märtyrer und Vorbilder der Christen verehrt wurden, so sind jetzt die biblischen Herrschergestalten mitsamt ihren kriegerischen Taten vorbildlich, wozu auch wieder auf den Makkabäeraufstand hingewiesen wird.
Die ganze Bibel wird mit christlichen Augen gelesen. Dabei ist Afrikaner Augustinus (vor Thomas von Aquin) der große Lehrer des Abendlandes. In unserem Zusammenhang werden drei seiner Gedanken wichtig:
In der christlichen Konstruktion der Heilsgeschichte sind die Juden ein zentrales Problem. Ihrer Tradition verdankt das Christentum alles, was es über den Gott der Welt und über die Orientierung in der Welt zu lernen gibt. Warum aber schließt sich das jüdische Volk nicht dem christlichen Glauben an, in dem Juden Jesus von Nazaret Gottes messianischen Boten zu sehen? Die Kirchen hören die jüdische Nachfrage, wo denn die Realisierung der messianischen Hoffnungen in der öffentlichen Geschichte zu sehen sei? Diese Frage wird weniger mit der Nachfolge Christi beantwortet als vielmehr mit einer immer sublimeren Christologie. Die kritische Rückfrage der Juden gilt als illegitim. Haben sie nicht diesen Jesus umgebracht? Ihre Leidensgeschichte unter christlicher Macht und Mehrheit wird als Strafe Gottes gedeutet. Das berechtigt die einen, sich als Gottes Gerichtsvollzieher gegenüber dem jüdischen Volk zu verhalten. Andere nehmen sich daher das „gute Gewissen“, den Verfolgten nicht zu helfen. Man könne doch nicht gegen den zornigen Willen Gottes handeln.
Nun kennen die zweitausend Jahre Kirchengeschichte auch Epochen der Koexistenz und der Duldung. Das gilt vor allem für die Zeit vor den Kreuzzügen sowie für die Zeit des Humanismus und der Aufklärung. Das gilt z.B. vom mittelalterlichen Polen, das zur Zuflucht von Juden wird, als in Mitteleuropa die Pest wütet und die christliche Mehrheitsgesellschaft nach Sündenböcken sucht, die angeblich die Brunnen mit der Pest vergiftet hätten. Eine magische Auffassung der Eucharistie ist (seit dem Laterankonzil von 1215) weit verbreitet. Sie führt zu Ritualmordlegenden, die bis ins 19. Jahrhundert Anhänger finden. Zum Opfer der Pogrome werden die jüdischen Gemeinden. Über Europas Grenzen hinaus trifft diese Gewalt Juden und Muslime, aber auch Teile der im Westen weithin unbekannten orientalischen Kirchen auf den verschiedenen Kreuzzügen.
Durch die Jahrhunderte gibt es friedliche Pilgerreisen von Christen nach Jerusalem und ins Heilige Land. Das ändert sich schlagartig. als Papst Urban II im Jahr 1095 in Clermont zum Kreuzzug aufruft. Er antwortet damit zunächst auf den Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I (1088-1118). Die gewaltsame Befreiung des Heiligen Grabes schiebt sich rasch als Motiv vor die Hilfe für die östliche Christenheit. Das Rittertum steckt durch das Erstarken der Städte und des Bürgertums in einer Krise. Als Ausweg erscheint eine Kombination aus guter Tat des Glaubens, aus Hoffnung auf Beute und aus Abenteuerlust. Die in Massen mitziehenden Armen flüchten mit ähnlichen Zielen aus einer von Krisen geschüttelten europäischen Gesellschaft. Das Kreuz wird zum Siegeszeichen für die einen, zur tödlichen Bedrohung für die anderen. Die Definitionsgewalt – der Beginn jeder Gewalt – hat sie als „Ungläubige“ definiert, die unterworfen werden müssen.
1099 beschreibt ein Teilnehmer nach der Eroberung Jerusalems das Blutbad an den Bewohnern Jerusalems, „dass die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten…bald durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt…plünderten die Häuser, die mit Reichtümern überfüllt waren. Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab unseres Erlösers zu verehren, und entledigten sich Ihm gegenüber ihrer Dankesschuld!“[12]
Aber neben der Geschichte von Zwang und Gewalt ist zu sehen, dass in der Christenheit auf biblischem Boden auch Begrenzungen der Gewalt gesucht und gefunden werden. Nicht wirkungslos bleiben die biblischen Hauptworte Recht und Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und des Friedens, sowie die prophetische Botschaft vor allem der Gedanke der Menschenwürde eines jeden Menschen, verankert im Gedanken seiner Gottesebenbildlichkeit. Die Botschaft Jesu ist nicht ganz vergessen. Ich nenne einige Beispiele, Gewalt rechtlich und ethisch einzudämmen:
Die scholastische Theologie hat diese Ethik verfeinert. Luther und Calvin blieben in der durch Konstantin gezeigten Beziehung zwischen Staat und Kirche. So auch in der Frage des „Gerechten Krieges“. Sie fügen allerdings drei Verschärfungen hinzu:
Bis in die Neuzeit steht die Mehrheit der Kirchen hinter dem Konzept eines gerechten Krieges, obwohl es nach seinen strengen Kriterien selten „gerechte Kriege“ gegeben hat.
In der christlichen Geschichte sind die Aktionen gegen Gewalt eine Minderheitenposition. Mehrheitlich findet eine Anpassung an die herrschende Macht statt oder eine Instrumentalisierung isolierter christlicher Motive wie z.Z. in der Kriegsrhetorik von George W. Bush oder bei den fanatischen Gegnern in Nordirland. Die Ambivalenz in der Gewaltfrage verlangt eine Entscheidung: Welche biblische, welche christliche Linie wollen wir weiter verfolgen? Ich illustriere das Problem am ambivalenten Umgang mit dem universalen Auftrag des Gottesknechtes aus Jes 49, 6. Da spricht Gott zu Jakob/Isarel: „Ich will dich zum Licht der Völker machen, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde!“
Columbus setzt das Wort als Motto in sein Schiffstagebuch.[15] Er ist auf einer Eroberungsfahrt nach Indien, um Gold zur Finanzierung eines neuen Kreuzzuges zu gewinnen. Wieder einmal soll das Heilige Land von den „Ungläubigen“ befreit werden.
Anders der Pädagoge und letzte Bischof der Böhmischen Brüderkirche, Johann Amos Comenius, er ist auf der Flucht vor der Gegenreformation aus Prag nach Amsterdam. Er formuliert aus demselben Text einen konträren, einen universalen Schluss: Gerechtigkeit sowie Gleichheit aller Menschen und nicht Machtgewinn ist sein Ziel. Er schreibt nach dem Gemetzel des Dreißigjährigen Krieges kritisch zur Gewaltpolitik der europäischen, christlichen Kolonialmächte: „Die christliche Welt umfasst nicht die ganze Welt. Neben uns gibt es noch Hunderte von Nationen….Es ist absolut notwendig mit dem Trachten nach Seemacht Schluss zu machen…, denn der Schöpfer hat allen dasselbe Recht über die Meere gegeben , sodass in Zukunft nicht einfach Privatleute ihre Schätze zu eigenem Nutzen sammeln werden, sondern dass alle, die vor dem Herren auf Erden wohnen, werden essen und trinken und sich wohl kleiden und freudig dem Herren aller Erde loben!“[16]
Folgen wir Christen in Zukunft Columbus oder Comenius?
[1] So überliefert in der Gegenschrift des Origenes „Wider Kelsos“, 1,2; 7,45; 7,68; 8,69.
[2] A.a.O. 1,9; (,73.
[3] Eusebius, Vita Constantini IV,24
[4] Codex Theodosianus XVI,1,2.
[5] Zum Ganzen vergl. Hendrik Berkhof, Kirche und Kaiser, Zollikon-Zürich 1947, besonders S. 61ff.
[6] Von ihm. dem Vater der abendländischen Kirchenmusik, stammen so schöne Lieder wie „Veni Redemptor Gentium“ (EG 4) oder „Deus Creator Omnium“ (EG 485; die in den christlichen Gesangbüchern bis heute in Nachdichtungen lebendig sind.
[7] Zitiert nach Aolf Martin Ritter, Alte Kirche, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Bd 1, Neukirchen 1094, S. 186.
[8] Es wäre interessant, die Auswahl der altkirchlichen Propheten. und Evangelienlesungen daraufhin zu betrachten, wieweit sie politik- und reichtumskritische Texte den Gemeinden vorenthalten.
[9] Vergl. Karl Hammer, Christen, Krieg und Frieden, Olten und Freiburg/Breisgau 1972.
[10] De Civitate Dei XXII
[11] CChr 39,744
[12] Regine Pernoud (Hg), Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten, München 1971, S.100f.
[13] Franz Rosenzweig, Stern der Erlösung, III S. 117: „Die antike Polis war ihren Bürgern Staat und Kirche in eins, noch ganz ohne Gegensatz.“
[14] Jan Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, München 1998; Ders., Herrschaft und Heil: Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa. München 2000. Regina Schwartz, The Curse of Cain. The Violent Legacy of Monotheism. 1997.
[15] Zitiert aus José Miguez Bonino, Theologie im Kontext der Befreiung, Göttingen 1977, S. 16.
[16] Zitiert aus Pavel Filipi, Komenský und der Kolonialismus: Der Brief nach Breda. In: Jan Lásek und Norbert Kotowski, Johannes Amos Comenius und die Genese des modernen Europa. Fürth 1992, S. 217-222.