Artikel vom 4. 5. 2011
Widerstehen - Motive und Praxis der "Weißen Rose"
Vortrag von Dr. Inge Jens im Rahmen der Wiesbadener Veranstaltungsreihe "27. Januar: Erinnern an die Opfer" 2009
Dr. Inge Jens
Im Juni und Juli 1942 wurde die Geheime Staatspolizei in Süddeutschland durch Flugblätter alarmiert, die in mehreren hundert Exemplaren per Post an einen, den Verfolgern zunächst nicht greifbaren Personenkreis in und um München, später auch in Stuttgart, Ulm und einigen Kleinstädten Bayerns gelangt waren. Flugblätter, die unter dem Symbol der "Weißen Rose" mit einer bis dahin ungekannten Schärfe die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes anprangerten und den Aufstand gegen die, wie es hieß "Diktatur des Bösen" zur "sittlichen Pflicht" aller Deutschen erklärten.
Nun stellten - wie wir heute wissen - regimekritische Flugblätter zur Zeit der Hitler-Diktatur keine Seltenheit dar; denken Sie z. B. an die Nachrichtenblätter des 17-jährigen Helmuth Hübener oder die tausendfachen Abschriften der Predigten, mit denen der Münsteraner Kardinal Graf Galen im August 1941 den Mord an unschuldigen Kranken geißelte, denken Sie auch an die Flugblätter des Nationalkomitees "Freies Deutschland", oder die vielen Aufrufe lokaler Widerstandsgruppen und dezentral arbeitender Parteikader.
Aber die Flugblätter der "Weißen Rose" schlugen einen Ton an, der sich in signifikanter Weise von den bis dahin bekannten Appellen unterschied. Nichts von Triumph und der staatlich verordneten Melodie von Stolz und Überheblichkeit. Statt dessen: Verdammnis, Schmach und Schande; Konfrontation mit dem "furchtbarsten Verbrechen an der Würde des Menschen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen" ließe, dem Mord an Juden und Polen“, gnadenlose Analyse der „gleich einer Woge höher und höher anwachsenden“ Schuld und Beschwörung zu Umkehr und Buße in pathetischer, Hölderlin und die Bibel evozierender Sprache.
"Täglich fallen in Rußland Tausende. Es ist die Zeit der Ernte, und der Schnitter fährt mit vollem Zug in die reife Saat. Die Trauer kehrt ein in die Hütten der Heimat und niemand ist da, der die Tränen der Mütter trocknet. Hitler aber belügt die, deren teuerstes Gut er geraubt hat. [...] Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhafter Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. Sein Mund ist der stinkende Rachen der Hölle, und seine Macht ist im Grunde verworfen."
Und dann der Schlüsselsatz: "Wer heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund des Krieges bei Weitem nicht begriffen. Hinter dem Konkreten, hinter dem sinnlich Wahrnehmbaren, hinter allen sachlichen, logischen Überlegungen steht das Irrationale, d.i. der Kampf wider den Dämon, wider den Boten des Antichrist."
Kein Zweifel, hier wird die konkrete historische Situation in apokalyptischen Bildern erfasst und unter eschatologischen Zeichen gedeutet. Zwar ist in diesen Flugblättern auch immer wieder vom "Terrorstaat" die Rede, der nur mit "rationalen Mitteln“, mit Sabotage auf allen Gebieten" und „passivem Widerstand“ bekämpft werden könne, aber die Dimension des Geschehens: die Illegitimität der herrschenden Gewalt und die Legitimität des Widerstands, sei – so proklamieren die Flugblattschreiber - nur in metaphysischem Zusammenhang zu erfassen: allein aus christlicher Heilsgewißheit könne deshalb der Mut zu konkretem Handeln gegen die Mächte des Bösen erwachsen: "Überall und zu allen Zeiten haben die Dämonen im Dunkeln auf die Stunde gelauert, da der Mensch schwach wird, da er seine ihm von Gott auf Freiheit gegründete Stellung im ordo eigenmächtig verläßt, da er dem Druck des Bösen nachgibt [...], [aber] überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind [auch] Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe zur Umkehr mahnten. Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben, wie ein Säugling ohne Mutter, wie eine Wolke, die sich auflöst."
Konsequent und stetig verfolgen die Flugblattschreiber ihr Ziel; mit immer größerer Härte der Verdammung und wachsender Intensität der Beschwörung zur Umkehr bedrängen sie ihre Leser, wobei sie - und das unterscheidet sie von anderen Agitatoren - die Argumente für ihre Appelle weniger durch eine politisch-ökonomische Analyse der zu bekämpfenden Verhältnisse gewannen als vielmehr durch die Berufung auf die moralischen Normen christlich-abendländischer Kultur: Erst vor der Folie eines in Analogie zur göttlichen Ordnung gedachten "gerechten Staates" wird die "Diktatur des Bösen" erkennbar; die civitas dei gibt der nationalsozialistischen Zwangsgemeinschaft den Charakter einer "Ausgeburt der Hölle":
Als den "schwersten Fall hochverräterischer Flugblattpropaganda, der sich während des Krieges im Altreich ereignet hat" wird wenige Monate später, nachdem man die "Weiße Rose" zerschlagen und sechs ihrer Mitglieder hingerichtet hat, der mit dem Abschlussbericht beauftragte Oberreichsanwalt Lautz diese Art der Argumentation bezeichnen - und damit ungewollt die Wirkung jener Aufrufe zugeben, die sich - im Juni und Juli 1942 - zunehmend einer theologischen Argumentationsweise bedienten, um ihr Credo schließlich in den Worten des Novalis zu formulieren: "Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und das Völkerrecht sichern und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr friedenstiftendes Amt installieren."
Ein Jahr später, am 9. August 1943, erhebt die Präambel der vom "Kreisauer Kreis" entworfenen Grundsätze für die "Neugestaltung Deutschlands" die Verbindlichkeit eben dieser Maxime zur sittlichen Voraussetzung des neuen Staates: "Die Regierung des deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundsätze für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft.
Der Ausgangspunkt liegt in der verpflichtenden Besinnung des Menschen auf die göttliche Ordnung, die sein inneres und äußeres Dasein trägt. Erst wenn es gelingt, diese Ordnung zum Maßstab der Beziehung zwischen Menschen und Völkern zu machen, kann die Zerrüttung unserer Zeit überwunden und ein echter Friedenszustand geschaffen werden."
Hier wie dort - bei den Flugblattschreibern und den Sprechern des Kreisauer Kreises, der Rückgriff auf die christlich-abendländische Tradition als Voraussetzung eine moralischen Reinigung der Nation an Haupt und Gliedern. Der Unterschied im Duktus der Appelle liegt, denke ich, in erster Linie darin, dass die Mitglieder der "Weißen Rose" dank ihrer Jugend unbedingter und pathetischer formulierten und ihre Thesen durch literarische und philosophische Autoritäten abzusichern suchten: Die Berufung auf Aristoteles, Laotse, Novalis, Goethe und Schiller sowie die an George, Hölderlin und der Apokalypse orientierte Sprache, aber auch die Tatsache, dass die Leser als "Mitglieder der christlich -abendländischen Kultur", als "vernunftbegabte Wesen" und "Deutsche Intelligenz" angesprochen und gebeten werden, "Angehörige der unteren Volksschichten" von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen, macht deutlich, dass sich die Flugblätter der "Weißen Rose" - jedenfalls während der ersten Phase der Aktionen im Juni und Juli 1942 - an einen genau zu bestimmenden Adressatenkreis richteten: an jene Schicht des gebildeten Bürgertums, der die Verfasser selbst entstammten, und die man, als die potentielle Gemeinde der Gleichgesinnten, zum Widerstand aufrufen wollte: "Wir schweigen nicht, wir sind euer schlechtes Gewissen. "Die Weiße Rose" läßt Euch keine Ruhe!"
"Die Weiße Rose": der Name - gewählt vermutlich in Anlehnung an Brentanos Romanzen vom Rosenkranz, den Hans Scholl vor der Gestapo erwähnte, kann als Symbol der wiedergewonnenen Harmonie zwischen dem büßenden Sünder und der göttlichen Ordnung inmitten einer zerstörten Welt verstanden werden. Er wurde zum Signum einer Gruppe, deren Tätigkeiten man zunächst ausschließlich mit den Namen der Geschwister Scholl verband - zu Unrecht, wie die Dokumente und die Rekonstruktion der Geschichte des Kreises zeigen.
"Die Weiße Rose" - ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen diese Gruppe etwas differenzierter vorzustellen - war ein Freundeskreis, deren Zentrum zwei Medizinstudenten, Hans Scholl und Alexander Schmorell, bildeten, 24 und 25 Jahre alt. Eigene Aussagen, Zeugenberichte und Verhörprotokolle lassen vermuten, dass sie die Flugblätter anfangs allein verfassten und vervielfältigten, doch schon bald und in zunehmendem Umfang von einigen Vertrauten unterstützt wurden: Hans Schwester Sophie und Christoph Probst zunächst, später dann vor allem Willi Graf. Freunde, die von dem Unternehmen wussten und bei der Herstellung und Verbreitung der Aufrufe halfen.
Diese fünf Studenten: vier Mediziner und eine Biologin, bildeten den Kern der "Weißen Rose", zu dem sich - zunächst in München, später dann auch in anderen Städten, Hamburg vor allem, - eine Reihe Gleichgesinnter gesellte, die der Gruppe den Charakter einer zwanglosen Vereinigung von Menschen verlieh, denen das eine gemeinsam war: Todfeindschaft gegenüber einem Krieg und Unterdrückung verbreitenden Regime.
"Die Weiße Rose": das war - wenn man den Namen nicht nur für die später Hingerichteten gelten lassen will - ein Kreis von zehn bis fünfzehn Männern, vorwiegend Soldaten, die zum Studium der Medizin vom Wehrdienst freigestellt und in einer sogenannten Studentenkompanie zusammengefasst waren. Dazu kamen einige Mädchen, Studentinnen der Medizin, der Philosophie und der Sprachen. Und dann die Älteren: erfahrene Männer, Gelehrte, Journalisten, Architekten, Maler, Schriftsteller: Werner Bergengruen und Sigismund von Radecki, der Soziologe Alfred von Martin und der Philosoph Fedor Stepun (amtsenthoben in Breslau), Carl Muth (Herausgeber der 1941 verbotenen katholischen Monatsschrift "Hochland"), Theodor Haecker (Publizist und Philosoph, seit 1938 mit Publikationsverbot belegt), und schließlich Professor Kurt Huber, von den Nationalsozialisten beargwöhnter Volksliedforscher und Philosoph, in dessen Kollegs sich regimekritische Studenten aller Fakultäten trafen - einerlei, ob er über formale Logik, über Musikästhetik oder über Leibniz las. -
Eine bunt gemischte Gesellschaft also kam da zusammen, mitten im Kriege in München; es wurde - im abgelegenen Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer in einem Garten der Franz-Joseph-Straße - aus verbotenen Büchern vorgelesen, man diskutierte und bezog Position.
"Die Abende waren durchweg literarisch", schreibt eine Frau, die zum Umkreis der "Weißen Rose" gehörte, die Medizinerin Traute Lafrenz, "[eine] feste Zielsetzung [gab es nicht]. Nur zum Schluss wurden meistens kurz die politische Lage, die Ausweglosigkeit und Trostlosigkeit, mit der alles dem Untergang blind entgegentrieb, sowie Nachrichten über den Rückzug der Wehrmacht besprochen. [...] Besonders Hans knüpfte immer wieder Beziehungen an zu Menschen, von denen er annehmen konnte, dass sie geistig und politisch unserer Richtung entsprechen mussten. So bekam man das Gefühl, als existiere ein breitgespanntes, vielmaschiges Netz Gleichdenkender - und da wir immer nur mit diesen und nicht mit den vielen Andersdenkenden in Verbindung waren, negierte man die Vielen, baute auf die Wenigen und glaubte sich stark."
Sie sehen: Die "Weiße Rose" war kein organisatorisch festgefügter Widerstandskreis, geschweige denn eine Zentrale geschulter Konspirateure, sondern eine Gruppe von Freunden, ein Zirkel von Gleichgesinnten, deren Solidarität sich durch Wertvorstellungen ergab, die - lange ehe die Studenten einander begegneten - jeden von ihnen in Kollision mit den Normen jener totalen Reglementierung gebracht hatte, auf die das herrschende Regime den Einzelnen zu verpflichten suchte. Die Sehnsucht nach individueller Freiheit und einem Gemeinwesen, das den Menschen in seiner Subjektivität ernst nahm, seine personale Würde achtete, führte die Freunde zusammen, verband sie und ließ sie schließlich handeln.
Freundschaft als Voraussetzung und prägende Kraft der politischen Tat: Der Politikwissenschaftler Harry Pross hat auf die Bedeutung von Freundschaft für eine bestimmte Art des bürgerlichen Widerstands aufmerksam gemacht. Was Pross über die Opposition gegen Hitler in der Wehrmacht schreibt, gilt auch und gerade für Willi Graf und den Kreis der "Weißen Rose".
"Es verdient bemerkt zu werden" - so der Politologe -, "daß [...] eine Beziehung politische Kraft gewann, die im totalitären Staat nicht vorgesehen war und die Hitler unter der Jugend bekämpfte: die Freundschaft. [...] Denn in der Freude, einen freundlichen, [gleichdenkenden] Menschen zu finden, erhellen sich die finsteren Zeiten. Aus [der Freundschaft] wächst die rettende Tat. Das Glück, nicht mehr allein zu sein, [...] durchbricht die Kruste der Tyrannis. Die Humanität selber erhebt sich aus der Gefangenschaft."
Dieses Glück der Verbundenheit mit Gleichgesinnten - das greifbar wird, wenn man Willi Grafs Briefe aus seinem ersten - allein durchzustehenden - Rußlandaufenthalt mit denen aus der Zeit des zweiten Fronteinsatzes, den er gemeinsam mit den Freunden aus München erlebte, vergleicht :diese Konstellation gewann auch damals, 1942, im Kreis der "Weißen Rose" politische Bedeutung. Freundschaft: das war ein Gegenbegriff zu Befehl und Gehorsam; Gespräch, Unterhaltung unter Vertrauten: ein Instrument der Unbotmäßigkeit inmitten einer Welt, die nur das 'Ja' oder 'Nein' kannte - den Imperativ 'Du mußt' oder das strikte Verbot 'Du darfst nicht'. Gerade in einem Augenblick, da nicht das Wort, sondern die Pistole regierte, konnte - das ist vielfach belegt - das Wissen, Freunde zu haben, mit denen ungeschützt zu reden war, Kräfte freisetzen, die ihrerseits den entscheidenden Anstoß zur Tat bildeten.
Das war im Kreis der "Weißen Rose" umso leichter möglich, da - jedenfalls in den entscheidenden Phasen - die Biographien der Freunde ähnlich verlaufen waren.
Die Geschwister Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf - um nur den engsten Zirkel zu nennen - stammten aus bürgerlichen, zum Teil christlich geprägten Elternhäuser, die auch nach 1933 an ihren Normen festhielten und die Heranwachsenden lehrten, sich selbst als handelnde, denkende, fühlende und leidende Subjekte zu erkennen und zu reflektieren. Sie waren darüber hinaus durch eine gleichartige Ausbildung - Gymnasium, Abitur, Studium - und gleichartige Interessen verbunden. Dokumente und Berichte bezeugen eine große Belesenheit und eine überdurchschnittliche künstlerische Sensibilität: Alle besaßen - von der Musik bis zur Literatur und der bildenden Kunst - Fähigkeiten, die oft über bloßes Dilettieren hinausgingen; alle mussten, vom Arbeits- und Wehrdienst bis zum Kriegshilfseinsatz - Verpflichtungen auf sich nehmen, die sie in Konflikt mit ihren Überzeugungen brachten, und alle waren schließlich - im engeren oder weiteren Sinn - der Jugendbewegung verpflichtet, in deren Bünden sie zuerst den Wert von Freundschaft und Gespräch erfahren hatten.
Christoph Probst war zumindest indirekt, als Internatsschüler auf dem Weg über die Lietzsche Pädagogik mit dem Gedankengut der Reformbewegung in Kontakt gekommen; Alexander Schmorell - der extremste Individualist unter den Freunden - war Angehöriger elitär-konservativer Organisationen (er war Mitglied des "Stahlhelm"), die er verließ, als ihre Mitglieder zwangsweise und kollektiv in die Hitlerjugend überführt wurden; Willi Graf gehörte zunächst zum katholischen Jugendbund "Neu-Deutschland", dann zum illegalen "Grauen Orden", wo sich - nach seinem im Gefängnis niedergeschriebenen Lebenslauf - das "Interesse für religiöse Fragen im Kreise gleichgesinnter Kameraden [entscheidend] vertiefte"; Hans Scholl schließlich engagierte sich - nach einem dramatisch endenden Zwischenspiel als Hitlerjugendführer - bei einer Nachfolgeorganisation jener legendären Jugendgruppe d.j. 1.11. ( einer am 1.11.1929 von Eberhard Koebel, genannt Tusk, der Deutsche, gegründeten Gemeinschaft), deren erklärtes Ziel es war, die deutsche Jugendbewegung 'von innen heraus' - der Begriff kehrt in den Flugblättern der "Weißen Rose" an zentraler Stelle wieder! - zu erneuern durch eine Gruppe, die alles besser machte als die bestehenden Bünde: die besser singen und besser schweigen, besser fasten, verbissener arbeiten und hemmungsloser faulenzen konnte.
Drei Kern-Mitglieder der "Weißen Rose" gehörten also Elite-Gruppen aus dem Kreis der Jugendbewegung an; zwei von ihnen, Hans Scholl und Willi Graf, wurden 1937 wegen 'bündischer Umtriebe' verhaftet und mehrere Wochen im Gefängnis festgehalten. (Auch die erst 17-jährige Sophie Scholl musste damals als mögliche Sympathisantin ihr erstes Gestapo-Verhör über sich ergehen lassen.) Kein Wunder, so betrachtet, dass sich neben dem Grunderlebnis der Freundschaft zumindest bei Alex Schmorell, Hans Scholl und Willi Graf als Erbgut der Jugendbewegung der Elitegedanke ausmachen lässt: die Klassifizierung der 'Vielen' als 'Masse der Unmündigen' gegenüber der kleinen Schar Auserwählter, der es aufgegeben und deren, wie es in den Flugblättern heißt, "sittliche Pflicht" es sei, den Unmündigen voranzugehen bei dem Versuch,die Welt des Unheils von den Kräften des Widergeists zu befreien, und eine Ordnung wiederherzustellen, für die – neben de, Bild des Gottesstaates- nun auch die Vorstellung vom unversehrten Reich des Slawen wichtig wurde, das – im russischen Menschen sichtbar geworden – an die Stelle westlicher Zivilisation wieder wahre, religiös bestimmte Kultur setzen werde.
Rußland, das älteste und zugleich das Zukunfts-Reich: ihm galten die Lieder der Jugendbewegung mit ihrer Kosaken-Romantik, und ihm wollten zumal Tusk und die dj.11.1. ihren Tribut zollen, als sie die klassischen Wandervogel-Instrumente Gitarre und Klampfe durch Balalaika und Banjo ersetzten und russische Volkslieder sammelten, durch die inspiriert man abends am Lagerfeuer die slawische Seele, Schwermut und Weite der russischen Landschaft beschwören konnte - so einen Kunstkult schaffend, in dessen Bannkreis sich aus den Versatzstücken russischer Folklore und den Rußlandhymnen deutscher Dichter - Rilke, Hesse, George - ein neues Lebensgefühl herausbildete.
Unter diesem Aspekt war das Rußlandbild, das sich den von der Jugendbewegung bestimmten Angehörigen der "Weißen Rose" einprägte, Teil einer abstrakten, grenzensprengenden Vision, war Ausdruck eines hochidealistischen Internationalismus, der die Realität der UdSSR so gut wie jedes andere konkrete politische System negierte und sich gerade dadurch als Nachfahr jenes Rußland-Mythos erwies, der die deutsche Geistesgeschichte zwischen 1890 bis weit in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts hinein bestimmte, und nach 1933, nunmehr ins Subversive gewendet, vor allem dadurch in oppositionellen Kreisen weiter wirkte, das es dem nationalsozialistischen Zerrbild der Sowjetunion - der "bolschewistische Untermensch"! - den Hymnus auf das ewige, unausrottbar humane, doppelgesichtige Rußland entgegenstellte.
Ein Mythos - gewiss; aber nur ein Mythos? Für die Angehörigen der "Weißen Rose" sicherlich nicht. Im Gegenteil, als Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf und ihre Freunde Ende Juli 1942 zur Frontfamulatur in die Sowjetunion abkommandiert wurden, wandelte sich das, was utopisches Jugendbild gewesen war, in lebendige, wirklichkeitsträchtige Gegenwart. " Es ist unmöglich", schrieb Hans Scholl im August 1942, "auch nur ein schwaches Bild davon zu geben, was in Rußland vom ersten Tag [an] auf mich eingestürmt ist. [...] Rußland ist in jeder Beziehung so ungeheuer groß. so ohne jede Grenze - und grenzenlos ist die Heimatliebe seiner Bewohner. Der Krieg geht über das Land hinweg wie ein Gewitterregen. Aber nach dem Regen scheint wieder die Sonne. Das Leid ergreift die Menschen ganz und gar, reinigt sie - aber dann lachen sie wieder."
In der Tat, das ist bewegend: Da marschiert eine kleine Gruppe deutscher Soldaten, das Hakenkreuz an der Uniform, nach Rußland - und preist nicht nur Weite und Schönheit der Landschaft, sondern auch die Freundlichkeit der Menschen und ihr Vertrauen selbst zu jenen, die ihnen das Land nehmen wollten: "Am Abend setzen wir uns zu den Russen" - so Willi Graf in einem Tagebucheintrag. "Wir hören die Lieder ihrer Heimat. Ihre Gesichter entspannen sich und der Blick ist wie verloren in die Weite. Da singt einer vor und der Chor der Anderen fällt mit ein. Es ist ungeheuer." Und Hans Scholl berichtete zur gleichen Zeit nach Hause: "Ich kenne einen ergrauten Fischer, den habe ich zum Freund. ["Freund",..., Freundschaft": da ist es wieder!] Oft stehen wir vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang am Ufer eines Flusses und fischen, wie Petrus zu Christi Zeiten."
Ein Genrebild mitten im Krieg - eine Realität gewordene Utopie, die freilich ohne die Hilfe von Alexander Schmorell nicht hätte erfahrbar werden können. Schmorell - Schurik, wie die Freunde ihn nannten - war in Rußland geboren: Sohn einer russischen Mutter, nach deren Tod er - vierjährig - mit seinem deutschen Vater und einem russischen Kindermädchen nach Deutschland zurückkam. Er sprach fließend Russisch und war zeitlebens von einer beinahe mystisch zu nennenden Sehnsucht nach seiner alten Heimat erfüllt. Der Einsatz in der Sowjetunion bedeutet für ihn Heimkehr. Kein Wunder also, dass er in den Russen zunächst seine Brüder sah, engen Kontakt mit der Bevölkerung suchte und die Freunde an den Begegnungen teilhaben ließ. Kein Wunder auch, dass er die deutsche Uniform wie eine Art von Fremd-Kleidung trug;einen Zwangskittel, in den schlüpfen zu müssen er als Vergewaltigung ansah, als Missachtung seiner durch Rußland geprägten Individualität durch ein zur Barbarei entartetes Deutschtum. ("Schmorell faselt davon, dass er Halbrusse sei.", wird es später im Protokoll des Volksgerichtshofes heißen. "[...] Zu welcher bodenlosen Verwirrung er dabei gekommen ist, geht daraus hervor, dass er [...] sagte, er habe sich vorgenommen, als deutscher Soldat weder auf Deutsche noch auf Russen zu schießen.")
Durch seine Russophilie, seine intime Kenntnis der russischen Schriftsteller - Dostojewski voran - und seine Vertrautheit mit Land und Leuten hat Alexander Schmorell die vagen, durch Jugendbewegung und literarisches Engagement geweckten Vorträume seiner Freunde konkretisiert und entscheidend verstärkt. Sowohl Hans Scholl als auch Christoph Probst lernten Russisch lange bevor die Studentenkompanie an die Ostfront abkommandiert wurde, und Willi Graf lebte nicht nur dem alten Mythos nach, wenn er bei Gitarrenklang und summenden Bässen" Russlands Herzu zu spüren glaube, sondern er stellte sich - wie Schurik ein Wanderer zwischen zwei Welten - auch der den Mythos bedrohenden Kriegswirklichkeit: "Wir haben oft bei den Bauern gesessen und gesungen", heißt es in einem Brief vom September 1942. "[Wir] ließen uns die wundervollen alten Lieder vorspielen. Man vergisst dann manchmal für kurze Zeit all das Traurige und Entsetzliche, das sich hier um uns ereignet. Herrliche Nachmittage verbrachten wir bei den Russen - während in der Ferne die Geschütze und Gewehre selten verstummten und wir die Kranken und Verwundeten versorgen. Zwei Welten um uns ... Ich weiß, dass auch Du teilnimmst an dem Schicksal dieses Volkes, das wie das Unsere solche Nöte und Ungeheuerlichkeiten erleben muss."
"Zwei Welten um uns": die Welt des Krieges, in der die Freund gezwungen waren, das Land ihrer Liebe als Invasoren zu betreten, und, wie Willi Graf in sein Tagebuch notierte, neben Vertrauen und Zuwendung auch "die Wut und die Abneigung gegen die Deutschen" erfuhren; die Welt des Krieges und die Welt der Literatur und mystischen Religiosität, die Welt Dostojewskis vor allem, von dem Hans Scholl in begeisterter Rede aus Rußland Kunde gab: "Nur einer (ein einziger) öffnet die Augen und sieht, dass alle Kreatur Erbarmen und Erlösung sucht. Dieser aber ist der größte Dichter Russlands."
„Erbarmen und Erlösung“: Diese Dostojewesky-Sehnsucht gewann in einem Augenblick neue Relevanz, als der Medizinstudent Hans Scholl im Herbst l94l - also ein Jahr vor dem Erlebnis Russlands im Krieg - in München den beiden Männern begegnete, die fortan seine Mentoren werden sollten: Carl Muth und Theodor Haecker - zwei katholischen Publizisten, in deren Werk die Vorstellung von einer Gemeinschaft der Armen, der Erniedrigten und Beleidigten sichtbar wird, deren Glaubensgemeinschaft die Gegenwelt zum Reich des Bösen, der Zwingherrschaft der Nationalsozialisten, bildet.
Gleich weit entfernt von religiöser Schwärmerei und dogmatischer Enge suchten Muth und Haecker das jesuanische Ideal eines durch Armut und Brüderlichkeit bestimmten Lebens im Dienst am Nächsten für die politische Realität, das Leben unter dem Nationalsozialismus, wirksam zu machen, und christliche Kultur zur Welt hin zu öffnen. Im Zeichen der christlichen Soziallehre sollten die Lebensanweisungen von Bibel, Theologie, Philosophie und Literatur der Herausbildung einer menschlichen Gemeinschaft dienen, die auf der gerechten Teilhabe aller an den Gütern dieser Welt beruhte - einer idealen Sozietät, die mit der bestehenden Herrschaft des Antichristen konfrontiert wurde.
Carl Muth wurde für Hans Scholl und über ihn hinaus für den Kreis der "Weißen Rose" nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil er es verstand, die religiös-literarische Unterweisung auf die - eschatologisch gedeutete - Gegenwart: die sicher erwartete Niederlage der Deutschen und die sich aus dieser "rettenden Katastrophe" ergebenden Konsequenzen , zu beziehen. Ohne die Begegnung mit den Mentoren aus dem Münchener "Hochland"-Kreis - das scheint mir sicher - hätten die Flugblätter des Sommers l942 nicht entworfen werden können.
Die Entschiedenheit, ja, Unbeirrbarkeit der Briefe, die Hans Scholl wenig später - während seines Fronteinsatzes in der Sowjetunion von Ende Juli bis Ende Oktober des gleichen Jahres an Freunde und Verwandte schrieb, zeigen, in welchem Maße das in München Gelernte und Erfahrene auch in den Schrecken des russischen Krieges Bestand hatte - dort, wo die täglichen Erlebnisse mit Land und Leuten der Sowjetunion nun auch jenen Zuwachs an politischer Orientierungsfähigkeit bewirkten, den Kurt Huber später vor der Gestapo als "Hinwendung zum Kommunismus" interpretieren sollte. Aber Hubers Auslegung war falsch. Was die Studenten - nicht zuletzt durch die Vermittlung von Alexander Schmorell - in der UdSSR erlebten, waren Begegnungen mit Menschen, die ihre Heimat liebten und an hergebrachtem Brauchtum - trotz aller Neuerungen - festhielten; was sie erfuhren, waren weniger die Errungenschaften des Sozialismus, sondern die Gräuel im Gefolge des Hitlerschen Raubkrieges. Jetzt, in der Sowjetunion, sahen sie zum ersten Mal mit eigenen Augen die unmittelbaren Auswirkungen eines faschistischen Imperialismus, erlebten Not und Verzweiflung der fliehenden Menschen und fanden die Erzählungen des Architekten Manfred Eickemeyer und anderer Freunde von der Ermordung polnischer Juden und russischer Kommissare auf das schrecklichste bestätigt. Nicht, ad positivum, eine Konversion zum Sozialismus, sondern, ex negativo, das von den Deutschen in der Sowjetunion angerichtete Elend veranlasste die Studenten, ihren "Sinn"" - wie es in einem Schollschen Brief hieß - "nach außen zu kehren" und alles zu tun, damit dieser Krieg zu schnell wie möglich ein Ende fände.
Diesem als vordringlich erkannten Ziel folgend gingen die Freunde der "Weißen Rose" nach ihrer Rückkehr aus dem Osten daran, neue Kontakte zu knüpfen und von München aus mit anderen Widerstandsgruppen in Hamburg, Freiburg, dem Saarland und Berlin in Verbindung zu treten. In Berlin sollte am 25. Februar ein Treffen von Hans Scholl und Alexander Schmorell mit Angehörigen der konspirativen Gruppe Bonhoeffer - Dohnanyi stattfinden, das durch die Verhaftung der Studenten in München nicht mehr zustande kam.
Verbindungsmann zwischen München und Berlin war Falk Harnack - der Bruder eines Mitglieds der weitgehend kommunistisch orientierten Widerstandsgruppe "Rote Kapelle". Harnack, der später an der Balkanfront maßgeblich am Aufbau des "Antifaschistisches Komitees Deutscher Soldaten" - einer Folgeorganisation des "Nationalkomitees Freies Deutschland" - beteiligt war, hat 1947 über die Zusammenkunft zwischen ihm, Hans Scholl und Alex Schmorell, die im November 1942 in Chemnitz stattfand, berichtet. "Die politisch grundsätzliche Aussprache ergab", so Harnack in einem Erinnerungsprotokoll, "dass Scholl und Schmorell ihre bisherige illegale Tätigkeit aus einer gefühlsmäßig anständigen und idealistischen Haltung heraus durchgeführt hatten, sie aber nunmehr praktische politische Beratung suchten. Kam Scholl mehr von der katholisch-philosophischen Richtung [...], so waren bei Schmorell starke sozialistische Tendenzen vorhanden. Beide aber hegten Sympathie für Land und Menschen des Ostens [...], die sie bei ihren Fronteinsätzen kennengelernt hatten. Und so waren beide der festen Überzeugung, dass eine Verständigung mit der Sowjetunion notwendig und für die Zukunft Deutschlands von entscheidender Bedeutung sei. [...] Beide legten mir ihre bisher veröffentlichten Flugblätter [...] vor. Ausführlich besprachen wir die beiden Formen [...] die philosophisch ausgeschmückte der "Weißen Rose" und die realistischere, politisch klare, die nun entwickelt wurde. Ich unterstützte die letzte Form. Beide begrüßten diese Zustimmung."
In der Tat zeigte das wenige Wochen nach dieser Unterredung, Mitte Januar 1943, in großer Zahl verbreitete 5. Flugblatt, das Harnack im Entwurf vorgelegen hatte, einen neuen Duktus. die philosophisch-literarische Manier der ersten vier Appelle war durch eine politisch -historische Argumentation abgelöst, die deutlich machte, in wie kurzer Zeit es den Freunden gelungen war, den wachsenden Sinn für das "außen" - sprich: die Erscheinungsformen des Hitlerschen Raubkrieges in einer Sprache vorzuführen, die sich an die Wirklichkeit hielt, ohne deshalb die Emphase der Flugblätter vom Sommer 1942 zu verlieren. "Deutsche!" hieß es in diesem 5. Flugblatt, das nun nicht mehr im Namen der "Weißen Rose", sondern als Appell einer nicht näher definierten "Widerstandsbewegung" "An alle Deutschen" gerichtet war, "Deutsche! Wollt Ihr und Eure Kinder dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist? Wollt Ihr mit den gleichen Maßen gemessen werden, wie Eure Verführer? Sollen wir auf ewig das von aller Welt gehasste und ausgestoßene Volk sein? Nein!"
Der Unterschied in der Diktion ist eklatant: hatte das dritte Flugblatt von "Unstaat" und "gottferner Diktatur" gesprochen, so war jetzt, im fünften, vom "imperialistischen Machtgedanken", dem "preußischen Militarismus" und dem "Truggebilde einer autarken Wirtschaft" die Rede; war im Sommer 1942 der Aufruf zu Sabotage und Widerstand noch damit begründet worden, dass die Schuld, "mit jedem Tag, da Ihr noch zögert, da Ihr der Ausgeburt der Hölle nicht widersteht", "gleich einer parabolischen Kurve höher und höher" steigen werde, so lautete die Devise 6 Monate später, im Januar 1943, streng situationsbezogen - die Katastrophe von 'Stalingrad war unabweisbar geworden :" glaubt nicht, dass Deutschland Heil mit dem Sieg des Nationalsozialismus auf Gedeih und Verderb verbunden sei! Glaubt nicht der nationalsozialistischen Propaganda, die euch den Bolschewistenschreck in die Glieder gejagt hat!"
So unbezweifelbar es ist, dass die Angehörigen der "Weißen Rose" keinen bis in alle Einzelheiten durchdachten politischen Plan hatten, so sicher - und vor allem durch das 5. Flugblatt zu belegen - ist auf der anderen Seite, dass man sich seit der Rückkehr aus Rußland - Anfang November 1942 - darum bemühte, eine realistischere und weitere Bevölkerungskreise überzeugende Konzeption zu entwickeln, die auch Überlegungen zur politischen Struktur eines Nachkriegsdeutschlands einschloß.
Hier nun freilich gab es harte Auseinandersetzungen - vor allem mit Professor Kurt Huber, der seit Dezember 1942 aktiv in den Kreis der "Weißen Rose" einbezogen worden und besonders an einer Diskussion über die anzustrebende deutsche Staatsform interessiert war. Huber befürwortete die Restauration eines ständisch gegliederten, nach Schweizer Vorbild föderalistisch-demokratisch organisierten Gemeinwesens und vertrat die These, dass eine solche Veränderung vorzugsweise in den süddeutschen Ländern vorbereitet werden müsse - dort, wo sich die liberale Tradition, auch was Wirtschaftskonzeptionen angehe, ungebrochen und lebendiger erhalten habe als im Linksideologien gegenüber anfälligeren Norden, und wo deshalb eine reale Chance bestünde, konservative Mitläufer des bestehenden Regimes zurückzugewinnen.
Im schroffen Widerspruch zu dieser Konzeption lehnten die Studenten - getreu ihrer bereits in den frühen Flugblättern vertretenen Meinung - jede Kooperation mit NS-Sympathisanten ab und traten, was die Staatsform anging, für eine Drei-Parteien-Demokratie mit starker Exekutive ein. Am härtesten aber prallten die Standpunkte in Fragen der ideologischen Orientierung aufeinander. Während Kurt Huber seine Vorstellungen von der Verwirklichung eines liberalen Individualismus nur durch scharfe Abgrenzung gegen kommunistische Einflüsse garantiert sah, plädierten Hans Scholl und Alexander Schmorell für eine Freundschaft mit der Sowjetunion und hielten Wirtschaftsmodelle sozialistischer Prägung zumindest für diskussionswürdig.
Doch alle Meinungsverschiedenheiten, über die wir durch Berichte Falk Harnacks von zwei Konferenzen im Februar 1943, die Aufzeichnungen Kurt Hubers aus seiner Haftzeit sowie die - freilich mit Vorsicht zu lesenden - Gestapo-Protokolle unterrichtet sind: alle gravierenden Antagonismus traten zurück vor der gemeinsamen Entschlossenheit, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden und das deutsche Volk vor der totalen Vernichtung zu retten. Auch wenn Kurt Huber von Harnacks in - wie er sagte- "verschleierter Form vorgetragenem rein kommunistischen Programm" entsetzt war und Hans Scholl nachdrücklich vor jeder weiteren Fühlungnahme mit diesem Kreis warnte, hielten ihn solche grundsätzlichen Bedenken nicht davon ab, unter dem Eindruck von Stalingrad und entwürdigender Übergriffe von Parteibonzen an der Münchener Universität, auf Bitten Hans Scholls einen Aufruf "im Namen und in der Tonart der Studenten" zu verfassen - eben jenes berühmte, "Kommilitonen! Kommilitoninnen!" überschriebene sechste Flugblatt, das nach der Verhaftung und Hinrichtung von sechs Mitgliedern der "Weißen Rose" englische Flieger in Millionen - Auflage über Deutschland abwarfen - mit der im Vorspann begründeten Formulierung: "Wir werden den Krieg sowieso gewinnen, aber wir sehen nicht ein, warum die Vernünftigen und Anständigen in Deutschland nicht zu Worte kommen sollen."
In diesem Flugblatt forderte Kurt Huber im Namen der missbrauchten Jugend vom Staat Adolf Hitlers Freiheit und Ehre als die kostbarsten Güter der Deutschen für jene Generation zurück, die man in so schändlicher Weise darum betrogen habe, und schloss seinen Text mit der Mahnung: "Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues Europa aufrichtet. Eine Mahnung, der der beschwörende Appell folgte: „Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns!“
Das Weitere ist bekannt. Hans und Sophie Scholl wurden am 18. Februar verhaftet, nachdem die letzten Exemplare des Huberschen Aufrufs von der Brüstung des ersten Stockwerks in den Lichthof der Münchener Universität gefallen waren. Entgegen anderslautenden Behauptungen war die Aktion im Kreis der Freunde besprochen und vorbereitet worden. Trotzdem gelang der Gestapo Zug und Zug die Festnahme der Beteiligten. Erschöpfung und Übermüdung der Studenten, die, obwohl sie nur ganz wenige waren, den Eindruck erweckten, Nacht für Nacht seien ganze Saboteurskolonnen unterwegs, um - jedenfalls in München - die Niederlage vor Stalingrad in eine Niederlage des nationalsozialistischen Regimes zu verwandeln - dazu die Unerfahrenheit in der Organisation eines Widerstandskampfes, den zu führen es der in den Techniken illegaler Arbeit erfahrenen Mitglieder sozialistischer Massenparteien bedurft hätte:all dies erleichterte den Verfolgern ihre Arbeit.
Vier Tage nach ihrer Verhaftung, am 22. Februar 1943, starben Christoph Probst und die Geschwister Scholl, am 13. Juli Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber, der vor Gericht wiederholt die moralische Notwendigkeit der Flugblattaktionen verteidigt hatte, obwohl er nur an den letzten beiden beteiligt gewesen war. Am 12. Oktober endlich wurde Willi Graf enthauptet, von dem die Gestapo vergeblich gehofft hatte, Hinweise auf weitere Mitwisser zu erhalten. Roland Freisler, Präsident des sogenannten "Volksgerichtshofs", war selbst nach München gekommen, um die "Verschwörer" - wie er sagte - abzuurteilen. "Unsere Tat wird Wellen schlagen", hielt ihm Sophie Scholl entgegen, "was wir sagten und schrieben, denken viele. Nur wagen sie noch nicht, es auszusprechen". Und ihr Bruder antwortete auf Freislers Anwürfe: "Heute hängt Ihr uns - morgen werden wir Euch hängen."
Nun, die Volksgerichtshofrichter sind, wie man weiß, bis heute außer Verfolgung geblieben, während die Namen der Opfer (mit Ausnahme der Geschwister Scholl) im Land der Hindenburg-Plätze, Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen immer noch kaum jemand kennt.
Wer weiß von Christoph Probst, von Willi Graf und Alexander Schmorell? Wer von Kurt Huber und Hans Konrad Leipelt, den man hinrichtete, weil er es gewagt hatte, für die in Not geratenen Hinterbliebenen Professor Hubers eine Geldsammlung durchzuführen? Wer kennt die elendiglich im Gefängnis und an den Haftfolgen gestorbenen Angehörigen der Hamburger Nachfolgeorganisation "Weiße Rose" wie Reinhold Meyer und Margarethe Rothe? Wer kennt Frederick Geusenhainer? -
Ich meine, es ist hohe Zeit und alle Anstrengungen wert, auch den vielen, unbekannten Widerstandskämpfern endlich die Würde des Subjekts zuzuerkennen und ihnen ihre Namen zurückzugeben, so wie es jetzt gottlob vielerorts, nicht zuletzt durch regional engagierte Initiativen geschieht. Denn: wie immer man - von heute aus gesehen - den Aufstand der "Weißen Rose" beurteilen mag:
- als Rebellion einer Elite von Bürgerkindern, die ihre Privilegien nutzten, um den ersten Schritt zur Befreiung Deutschlands zu tun;
- als heiliges Fanal einer Gruppe, die den Idealen der Jugendbewegung treu bleiben wollte, oder
- als Zeichen, mit dem ein christlicher Wertgebung als höchstem Gesetz verpflichteter Zirkel eine allgemeine Empörung befördern wollte, die zur Absage an den Widergeist des Nationalsozialismus führen sollte ---
wie immer man - unter politischen und moralischen Aspekten - den Aufstand der "Weißen Rose" beurteilen mag - wohl bedenkend, dass ihre Mitglieder keine Sechzigjährigen mit einem geschlossenen Weltbild waren, sondern junge Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit, Studenten zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren, die die Zukunft hierhin und dorthin hätte führen können - eines scheint gewiss: der Neuanfang in einem demokratischen Deutschland nach 1945 wäre - zumindest für junge Menschen - noch schwieriger und orientierungsloser gewesen, hätte es nicht diese Gruppe gegeben, die vor aller Welt zeigte - und deshalb vom "Nationalkomitee Freies Deutschland" in der Sowjetunion in gleicher Weise wie von Churchill vor dem englischen Unterhaus oder Thomas Mann im amerikanischen Exil respektvoll apostrophiert wurde -, dass es auch unter der im Nationalsozialismus herangewachsenen bürgerlichen Jugend ein Potential des Widerstands gab - einen Kraftkern, dessen Wirkung über die Zeiten hinweg, trotz der scheinbaren Sinnlosigkeit der Aktionen und der Tragödie des Endes dieser "Weißen Rose" nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ohne Echo, folgenlos also - das darf behauptet werden - ist der Münchener Aufstand gewiss nicht geblieben.
"Ihr sollt nicht umsonst gestorben sein," sagte Thomas Mann am 27. Juni 1943 in einer Radio-Ansprache 'Deutsche Hörer!' "Ihr, die Ihr, als noch Nacht über Deutschland und Europa lag, wußtet und verkündetet: Es dämmert ein neuer Glaube an Freiheit und Ehre."
Ich bin am Ende meines Vortrags; doch ich möchte noch ein paar Überlegungen anschließen:
„Freiheit und Ehre“ sind große Worte und gut geeignet als Inschrift auf einem Podest zu dienen, auf das man die Studenten der „Weißen Rose“ gern stellt: Leuchtendes Beispiel - Helden in finsterer Zeit usf.
Die „Weiße Rose“ als Alibi zur Verringerung eigener Schuld oder der Schuld unserer Eltern und Großeltern? Gemach! In einem der Flugblätter steht der Satz: “Was aber tut das deutsche Volk? Es sieht nicht und es hört nicht. Blindlings folgt es seinen Führern ins Verderben.“
Ich meine, diese Worte sollten uns zu denken geben. Zum einen mit Blick auf das Damals: Was wäre geschehen – so gilt es zu fragen – wenn das deutsche Volk gesehen hätte und gehört? Wenn die Flugblätter der „Weißen Rose“ von ihren Empfängern nicht ängstlich vernichtet oder der Gestapo übergeben, sondern – wie von den Studenten erträumt und vorgeschlagen - tausendfach abgeschrieben und verteilt worden wären?
Zum anderen aber auch ganz aktuell:
Gewiss ist die Situation von 1942/43 nicht mit unserer heutigen zu vergleichen. Dem Unrechtsstaat von damals steht ein Gemeinwesen gegenüber, das den Namen Demokratischer Rechtsstaat verdient. Aber dieses Gemeinwesen kann seine Rechtsstaatlichkeit nur bewahren, wenn seine Bürger wirkliche Bürger sind, d.h. kritisch und wachsam, und keine bloßen Ja-Sager.
Kein Staat ist per se gegen die Perversion seiner Grundordnung gefeit, und deshalb gilt es, Rechtsmissbrauch und Gesetzesaushöhlung anzuprangern und aller beharrenden Gleichgültigkeit zu widerstehen.
Noch gibt es bei uns keinen Anlass zum Widerstand, keine Notwendigkeit, wie für die Studenten der „Weißen Rose“ ihr Leben zu riskieren, um Unheil von unserem Gemeinwesen abzuwenden. Aber sehr wohl gibt es Entwicklungen, gegen die wir uns zur Wehr setzen müssen, Entscheidungen, denen es zu widerstehen gilt. Je früher wir das tun, desto überlegter, angemessener und vernünftiger können wir handeln: und je solidarischer wir handeln, desto größer unsere Aussicht auf Erfolg.
Daher erscheint mir das Wort „Widerstand“ für das, was heute nottut, ein zu großes Wort zu sein – ein Wort zudem, das man nicht missbrauchen sollte. Aber das Verb „widerstehen“, meine ich, trifft. Zu widerstehen, Zivilcourage zu zeigen, Befehle zu überprüfen, „nein“ zu sagen und notfalls auch Vorschriften begründbar und begrenzt zu überschreiben – auch, wenn Sanktionen drohen: das, meine ich, ist Pflicht eines Jeden. Denn nur „widerstehend“, gegen das als falsch und schädlich Erkannte handelnd, können wir verhindern, dass bei uns wieder Zustände eintreten, die Widerstand – d.h. für mich ‚Widerstehen unter Einsatz des Lebens’ – notwendig machen.
Die Studenten der „Weißen Rose“ wollten keine Märtyrer sein; sie wollten leben und Zukunft gestalten. Um dieser Zukunft willen mussten sie Widerstand leisten und wurden ermordet. Wir können sie, meine ich, am besten ehren, wenn wir lernen, solidarisch zu widerstehen - um jener humanen Gesellschaft willen, die sie erstrebten.



Peremoha
2011



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