Tagungsdokumentation
Gemeinsam hatten die Martin-Niemöller-Stiftung, die Evangelische Versöhnungskirche in der Gedenkstätte Dachau und der Dietrich-Bonhoeffer-Verein vom 21. bis 23. September 2007 zu einer Tagung nach Dachau eingeladen. Dieser Ort erinnert nachdrücklich an unsägliche Gewaltakte, Demütigungen und Morde, die Menschen anderer Überzeugungen und Völker erlitten. Hier sollte nach Hitlers Wutausbruch auch „der Pfaffe sitzen, bis er schwarz wird“ – gemeint war Martin Niemöller.
Die Tagung stand unter dem Thema:
„Gegen den Strom - Gewissensentscheidungen in der NS-Zeit und heute“Wie kommt es zu einer Bildung von Gewissen? Wie und wann ist es wach, wer benutzt es? Warum benutzen es so viele nicht? Wie setzt sich eine Gewissensentscheidung durch? Äußerer Anlass, diesen Fragen aus verschiedenen Perspektiven nachzugehen, sind drei Jahreszahlen.
Vor 70 Jahren, am 1. Juli 1937, wird Martin Niemöller als „Staatsfeind“ verhaftet. Als Thomas Mann in den USA seine Predigten veröffentlicht, stellt er ihn als einen Menschen vor, der sich „nicht hinter dem elenden Fetzen seiner Neutralität versteckt“ und zuschaut, „wenn andere ans Kreuz geschlagen werden.“
Vor 60 Jahren, am 8. August 1947, wird vom Bruderrat der Bekennenden Kirche das Darmstädter Wort veröffentlicht. Am Beginn des Kalten Krieges und zur Präzisierung des Stuttgarter Schuldbekenntnisses warnt es vor neuen Irrwegen der Gewalt, des Nationalismus, des Freund-Feind-Denkens und vor einer Vernachlässigung der Gerechtigkeitsaufgabe. Versöhnung, Rechtsstaatlichkeit und Frieden werden als entscheidende Aufgaben genannt, die deutschen Irrwege zu verlassen.
40 Jahre sind es her, dass die Evangelische Kirche in Deutschland in der Gedenkstätte Dachau eine Versöhnungskirche ihrer Bestimmung übergibt, diese neuen Wege zu gehen – in der lebendigen Wahrnehmung der Opfer, in der Begegnung mit Überlebenden und in der Frage, wie gewissenloses Handeln heute zu überwinden ist.
Hatte das Stuttgarter Schuldbekenntnis erklärt: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden“, so spricht die EKD durch ihre Synode 1950 von der „Mitschuld“ der Kirche an der Ermordung der Juden; sie widerruft den falschen, Judenhass schürenden und legitimierenden Satz, das jüdische Volk sei von Gott verworfen. Die mühsam erkannten Neuanfänge von damals sind in der Justiz, in der Politik, in der Kirche oder in der Medienwelt keineswegs zu Ende geführt.
In unserem Online-Textarchiv können Sie eine Auswahl der Vorträge und Referate nachlesen. In der Reihe „ epd Dokumentation“ erschien als Ausgabe 2/2008 eine vollständige Dokumentation, die Sie zum Preis von 5,00 Euro bei uns beziehen können.
Der Inhalt der Dokumentation:
Prof. Dr. Joachim Perels:
»Die kritische Dimension des Gewissens – Historische und theologische Erwägungen«
Pfarrer Dr. Karl Martin:
»Das Gewissen – nicht der letzte Maßstab. Bonhoeffers Versuch, eine Ethik der Wegbereitung zum Tun zu entwerfen«
Dr. Dieter Deiseroth:
»Gewissensentscheidungen heute – Rechtliche Rahmenbedingungen«
Prof. Johanna Haberer:
»Von der Veräußerung der Welt – Wie die Medien das Leben verändern«
Ulrich Frey:
»Der gerechte Friede und die westliche Sicherheitspolitik«
Pfarrer Dr. Björn Mensing:
»Beispiele von Dachauer Häftlingssolidarität in der Gewissensbildung am authentischen Ort«
Franz Josef Tremer:
»’Bei mir beißen die auf Granit’. Der Kriegsdienstverweigerer Franz Reinisch«
Florian Pfaff:
»Es muss gesagt werden«
Prof. Dr. Martin Stöhr:
»Predigt über Ap. Gesch. 5, 34-42«