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Artikel vom 16. 9. 2007

Was sagte Niemöller wirklich?

Tafel an der New Jersey County Human Relations Commission

Tafel an der New Jersey County Human Relations Commission

Immer wieder erreichen uns Anfragen nach dem genauen Wortlaut des berühmten Niemöller - Zitats.

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, denn es gibt keine schriftliche Form, sondern verschiedene mündliche Varianten, die Niemöller auch durchaus je nach Zuhörerkreis abgewandelt hat.

Wir zitieren die Version, die wir für die „klassische“ halten und die von Niemöller autorisiert wurde. Sie fiel  an Ostern 1976 während einer Diskussion im Gemeindesaal Kaiserslautern -Siegelbach bei Pfarrer Hans-Joachim Oeffler. In einem Gespräch mit Hannes Karnick und Wolfgang Richter („Niemöller - Was würde Jesus dazu sagen?“, Ffm 1986) führt Niemöller dazu aus:

„Wann ist denn dieses Ge­dicht entstanden mit dem Spruch: Als sie die Kommu­nisten abholten, schwiegen wir...?

Das war kein Gedicht, nein. Ich hatte mal in Oefflers Ge­meinde gepredigt, da war damals der Generalbischof der lutherisch-slowakischen Kirche dabei in Siegelbach bei Kaiserslautern. Da hat­ten wir hinterher eine Be­sprechung mit der Gemein­de in einem Gemeindesaal in der unmittelbaren Nähe der Kirche. Da haben die Leute n ihre Fragen ge­stellt und vom Leder gezo­gen. Und dann haben sie gefragt, ob wir denn nicht aufgewacht wären nach der Kristallnacht 1938. Und ich sage, um Gottes Willen, also fragen Sie mich nicht nach 38, ich bin 37 in die Gefangenschaft geraten und habe seitdem immer in der Einzelzelle gesessen und im übrigen, sehen Sie, als die erst mal die Kommu­nisten eingesperrt, und da­von haben wir vielleicht gleich was gehört, ich weiß es nicht mehr, aber wir haben dagegen nicht aufbe­gehrt, dass die Kommunisten eingesperrt wurden, denn wir lebten ja für die Kirche und in der Kirche und die Kommunisten waren ja kei­ne Freunde der Kirche, son­dern im Gegenteil ihre er­klärten Feinde, und deshalb haben wir damals geschwie­gen. Und dann kamen die Gewerkschaften, und die Gewerkschaften waren auch keine Freunde der Kir­che, und wir haben mit de­nen wenig Beziehungen oder gar keine mehr gehabt und haben gesagt, also lass die ihre Sachen selber aus­fechten.
Es gab keine Nieder­schrift oder Kopie von dem, was ich gesagt hatte, und es kann durchaus gewesen sein, dass ich das anders for­muliert habe. Aber die Idee war jedenfalls: Die Kommu­nisten, das haben wir noch ruhig passieren lassen; und die Gewerkschaften, das haben wir auch noch pas­sieren lassen; und die Sozialdemokraten haben wir auch noch passieren las­sen. Das war ja alles nicht unsere Angelegenheit. Die Kirche hatte ja mit Politik damals noch gar nichts zu tun, und man sollte ja damit nichts zu tun haben. Wir wollten in der Bekennenden Kirche an und für sich ja auch keinen politischen Wider­stand darstellen, sondern wir wollten für die Kirche feststellen, das ist nicht recht und das darf in der Kirche nicht Recht werden, deshalb hatten wir schon 33, als wir den Pfarrernot­bund gründeten, als 4. Punkt da drin: Wenn gegen Pfarrer Front gemacht wird und sie einfach ausgeboo­tet werden als Pastoren, weil sie Judenstämmlinge oder so was gewesen sind, dann können wir als Kirche nur sagen: Nein. Und das war dann der 4. Punkt in der Verpflichtung, und das war wohl die erste contra-anti-semitische Lautwerdung aus der Evangelischen Kir­che. Das ist nur das, was ich sagen kann zu dieser Geschichte mit dem: Als sie die Kommunisten einsperr­ten, da hat man nichts ge­sagt, wir waren keine Kom­munisten und waren durch­aus einverstanden, dass wir diese Gegner vom Halse hatten. Aber wir haben uns noch nicht verpflichtet ge­sehen, für Leute außerhalb der Kirche irgendetwas zu sagen, das war damals noch nicht Mode, und so weit waren wir noch nicht, dass wir uns für unser Volk verantwortlich wussten.“

Niemöller hat hier exakt geschichtlich nachgezeichnet, wie die Frontlinien des Widerstands der Reihe nach niedergelegt wurden. Die Katholiken hat er nicht genannt, weil die Katholiken ihr Konkordat hatten. Die Juden konnte er nicht nennen, weil die große Verfolgungswelle erst einsetzte, als er schon im KZ war.


Besonders in den USA existieren verschiedene Versionen; teils von Niemöller selbst abgewandelt, teils dazugedichtet . Martin Niemöllers zweite Frau (seit 1971), Sibylle von Sell  schreibt dazu am 23.4.2000 in h-holocaust http://www.h-net.org/~holoweb/ :." The trouble with Martin Niemoeller's "famous quotation" is that he never wrote it down - which enabled  so many hitchhikers  over the years to "put themselves on the waggon". In his  "Confession of Guilt"  (as he called it himself: Schuldbekenntnis in German) the Communists came first, then the Trade Unionists and then the Socialists and then the Jews. NO ONE ELSE.”


Für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Entstehung und Rezeptionsgeschichte des Zitats lohnt sich ein Blick auf die Seite von Harold Marcuse (ja, er ist der Enkel ...), Professor für deutsche Geschichte an der Universität Santa Barbara: http://www.history.ucsb.edu/faculty/marcuse/niem.htm

Das Zitat wird immer noch häufig benutzt und auch sehr unbekümmert abgewandelt, was für seine ungebrochene Popularität spricht. 

Beispiel 1:

„Wir kämpfen - den einsamen Kampf. Die Postler, die Stadtwerker, die Müllmänner, die Bahner jeweils für sich. Frei nach Martin Niemöller: Als sie die Stadtwerker holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Stadtwerker. Als sie die Bahner holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ 
(http://www.bahnvonunten.de/appell.htm)

Eher bizarr mutet das Auftauchen des Zitats im Umfeld der „Kampfhund-Szene“ an:

Beispiel 2:

„Als sie die "Kampfhunde" ausrotteten, habe ich geschwiegen. Ich hatte ja keinen "Kampfhund". Als sie die Herdenschutzhunde abholten, habe ich geschwiegen, ich hatte ja keinen Herdenschutzhund. Als sie alle groesseren Hunde verbaten, habe ich geschwiegen, ich hatte ja keinen grossen Hund. Als sie meinen Hund abholten, hat das niemanden mehr interessiert.     Autor unbekannt“
(link nicht mehr verfügbar)

Bedenklich ist, dass das Zitat häufig auch in einem rechtsextremistischen Spektrum auftaucht, das sich selbst als „Widerstand“ definiert und perfiderweise auf Rhetorik und Symbole des Widerstands im Dritten Reich zurückgreift.

Beispiel 3:

»Als die Heuchler Jenninger holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Bundestagspraesident.Als sie Hohmann holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein MdB.Als sie alle CDU-Mitglieder holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Parteimitglied.Als sie die unabhaengigen Journalisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Journalist. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«
(....fitug.de/debate/0311/msg00166.html )

Beispiel 4:

„Wehret den Anfängen!
Als die STASI-Antifa die Nationalsozialisten holte, habe ich geschwiegen - ich war ja kein Nationalsozialist.
Als sie die demokratischen Nationalisten holten, habe ich geschwiegen- ich war ja kein Nationalist.
Als sie die patriotischen Konservativen holten, habe ich geschwiegen- ich war ja kein Konservativer.
Als sie die Nicht-Christen und Neu-Heiden holten, habe ich geschwiegen- ich war ja kein Heide.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
M. F. (frei nach Martin Niemöller)“
(.....de/htm/archiv/ausg13/fw13seit6.html)

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