Artikel vom 2. 10. 2005
Wieso eigentlich Dahlem - wieso eigentlich Niemöller?
Eckpunkte einer Diskussion über den deutschen evangelischen Kirchenkampf
Im Rahmen des Ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin hielt der Sohn Martin Niemöllers, Dr. Heinz Hermann Niemöller, in der St. Annen – Kirche in Dahlem den Vortrag, den wir nachfolgend dokumentieren.
Vertieft man sich heute, über einen Zeitabstand von nun fast sieben Jahrzehnten hinweg, in die vertrackten Einzelheiten des evangelischen „Kirchenkampfes" in den Jahren der Naziherrschaft, also von 1933 bis 1945, so erlebt man manche Überraschung. Es tauchen plötzlich Details auf, die man früher nicht wusste oder einfach nicht beachtet hatte, und die dem Betrachter von heute helfen, das Gesamtbild des evangelisch-kirchlichen Widerstandes genauer ins Auge zu fassen. Wir haben in den vergangenen Jahren ja einige recht unterschiedliche historische "Bewertungen" dieser Vorgänge erleben müssen, die meist in eine mehr oder minder ausgeprägte Relativierung des ganzen Komplexes zu münden scheinen. Am weitesten ist da wohl ein Historiker namens Joachim Mehlhausen gegangen, der den Begriff "Kirchenkampf“ überhaupt für untauglich erklärt, was er mit der zwar kühnen, aber trotzdem unrichtigen These zu stützen versucht, es habe nur in dem einen Jahr 1933 - 1934 in der evangelischen Kirche eine Auseinandersetzung um Bekenntnisstand, Leitung und Ordnung der Kirche gegeben. Dieser Wissenschaftler schlägt nun vor, den Begriff "Kirchenkampf" durch die Wortverbindung „Nationalsozialismus und Kirchen" zu ersetzen, wobei er gänzlich übersieht, dass es bei den Auseinandersetzungen dieser Zeit um weit mehr ging als nur um den Widerstand gegen den Nazismus als politischer Kraft! - Oder: sollten wir vielleicht sagen, dass es eigentlich um "weniger" ging, und dass die evangelischen Landeskirchen zunächst nur das Ziel verfolgten, mit dem Nationalsozialismus friedlich auszukommen, und dass sie peinlichst vermieden haben, ihren Widerstand auf die politische Ebene übergreifen zu lassen? - Dieser Vorwurf ist ja immer wieder gemacht worden und ist - in gewissen Grenzen sogar berechtigt. Vergessen wir indessen nicht, dass ein Haus von außen betrachtet anders aussieht als von innen, und dass die Innenansicht letztlich das Entscheidende ist. Es ist ja das Elend der gegenwärtigen kirchenhistorischen Wissenschaft, sie meint, von einem "sicheren" Außenstandpunkt den Gang der Geschichte möglichst vorurteilsfrei und möglichst monokausal bewerten zu können - eine Illusion, wie sich immer wieder gezeigt hat.
Nun, wir können von Glück sagen, dass man die Tatsache des evangelischen Kirchenkampfes bisher noch nicht völlig hat leugnen können, ja sogar, dass innerhalb der evangelischen Kirche das Bewusstsein für die Geschehnisse dieser Geschichtsperiode immer lebendig geblieben ist. Dabei ist es keineswegs so, dass die historischen „Innenansichten“ der evangelischen Kirchenchristen etwa unkritisch oder gar verherrlichend ausfallen, aber auf jeden Fall differenzierter und kenntnisreicher. Da es keine echten Zeitzeugen mehr unter uns gibt, sind wir mehr und mehr auf diejenigen angewiesen, die wenigstens schon wach genug waren, um zu spüren, um was es damals ging, und die sich bemüht haben, die Vorteile zu nutzen, die sich durch die Veröffentlichungen der unmittelbaren Nachkriegszeit für ein tieferes Verständnis der zum Teil sehr komplizierten Vorgänge boten.
Halten wir also fest: Den "Kirchenkampf" hat es tatsächlich gegeben! Wir tun gut daran, uns hier in Dahlem, wo einer seiner Brennpunkte lag, an seine Prüfungen wie an seine Bewahrungen, auch an seine Exponenten - positiver wie negativer Art - zu erinnern.
Die evangelische Kirche von Hessen und Nassau, der Martin Niemöller von 1947 bis 1964 als Kirchenpräsident vorstand, hat anlässlich seines 100. Geburtstages (1992) eine Festschrift herausgebracht, in der ein Lebensbild des früheren Dahlemer Pfarrers gezeichnet wird, unter Berücksichtigung der kirchlichen und politischen Zeitumstände. Diese Schrift trägt den Titel: "Protestant - Das Jahrhundert des Pastors Martin Niemöller"; sie ist auch jetzt noch lesenswert und enthält neben wichtigen Fakten auch einige wenig bekannte Details. Kommt es allerdings zu bewertenden Aussagen über den evangelischen Kirchenkampf, so gewinnt man den Eindruck, als seien auch wichtige Dinge ausgeblendet worden. Dadurch kommt einer der Autoren, Matthias Benad, zu so merkwürdigen Einschätzungen, wie das nachfolgende Zitat erweist. Auf Seite 170 der Festschrift schreibt er:



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