Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 4. 5. 2011

„…wähle das weniger Bequeme!“ (Paul Schneider)

Widerstand und Anpassung – Bekennende Kirche und Deutsche Christen

Vortrag von Martin Stöhr am 17. Juli 2009 in Weimar (1) zum Gedenken an die Ermordung Paul Schneiders am 18. Juli 1939 im Konzentrationslager Buchenwald

Nach einem kurzen Einstieg will ich die kirchliche und politische Szene schildern, die zum Hintergrund eines Gedenkens an Paul Schneider gehört ehe ich dann seinem Lebenswerk nachgehe – bis zu seiner Ermordung hier in Weimar – Buchenwald. Ich schließe mit der Frage nach seinem Vermächtnis für uns heute.

I

Solidarität mit einem Märtyrer

Der Bruderrat der Bekenntnissynode im Rheinland schreibt vor 70 Jahren allen Bruderräten der Bekennenden Kirche im Deutschen Reich, am 18. Juli 1939 sei Pfarrer Paul Schneider im Konzentrationslager Buchenwald verstorben. Er werde am 21. Juli 1939 in Dickenschied im Hunsrück, Bahnstation Kirchberg, beerdigt. Der Ort des Todes wird offen genannt. Allen Empfängern des Rundschreibens ist klar, dass der Gefangene ermordet wurde. Die kirchliche Beerdigung wird zu einer Manifestation der Unangepassten. Tausende kamen zur Beerdigung. Vom Saarland bis Schlesien, von Schleswig-Holstein bis Bayern hatte die Bekennende Kirche ihre Abgeordneten geschickt. 200 Pfarrer im Talar unterstrichen demonstrativ ihre Solidarität mit dem Ermordeten und seiner Gemeinde. Dem endlosen Zug aus der Evangelischen Kirche zum Friedhof schließt sich der katholische Pfarrer mit seiner Gemeinde an.

Paul Schneiders Widerstand war nicht politisch motiviert, hatte und wollte aber politische Auswirkungen. Verlässt Religion gewaltfrei die Innenwelt privater Frömmigkeit, dann profilieren sich ihre Werte politisch auch in der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit. In einem totalen Staat stellen Abweichungen von der von oben gewünschten oder kommandierten Politik den Absolutheitsanspruch des Staates immer in Frage – egal, ob die abweichenden Eigenständigkeiten aus den Bereichen der Kunst oder der Religion, der Wissenschaft oder einer Minderheit kommen.

In Vortrag, Religionsunterricht oder Predigt zu sagen, dass Jesus Jude ist (wie es alle Autoren der Bibel sowie die Apostel auch sind), ist eine politische Aussage in der deutschen Bevölkerung, die mehrheitlich Juden verachtete und damit die Staatsdoktrin der Nazis stützte. Es ist ein politischer Akt, die Namen derer zu nennen, die der Staat verhaftete oder eine Kollekte einzusammeln, die die illegalen Aktivitäten, z.B. in einer staatsfernen Ausbildung, der Bekennenden Kirche finanzieren muss.

Paul Schneiders Name wird zum ersten Mal über den Kreis seiner dörflichen Gemeinde und Freunde hinaus bekannt, als er 1937 als Verhafteter auf der landesweiten Fürbittenliste der Bekennenden Kirche steht. Gegen den Willen des Staates werden Verhaftungen in den Gottesdiensten der BK-Gemeinden namentlich und öffentlich genannt. Für sie wird gebetet - kleine Äußerungen der Solidarität und Signale des Protestes. Da die Medien schon im Jahr 1933 sich hatten sofort gleichschalten lassen, wird auf diese Weise eine staatlich nicht kontrollierte, deswegen immer wieder verbotene, aber wichtige Teilöffentlichkeit hergestellt.

II

Die Bekennende Kirche, Paul Schneiders geistige Heimat

Die Bekennende Kirche (BK) bildet sich aus verschiedenen Gruppen des Protestantismus, wie z.B. Jungreformatorische Bewegung, Pfarrernotbund und freie Synoden ab 1933. Treibende Personen sind u.a. Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer oder Franz Hildebrand. Anlass ist ein doppelter Druck von Staat und Partei auf die Kirchen: Einmal die Übernahme der rassistischen Gesetzgebung, die Jüdinnen und Juden aus allen öffentlichen Ämtern, folglich auch aus kirchlichen Funktionen, ausschließt. Der sog Arierparagraph soll Teil der kirchlichen Gesetze werden. Das Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 greift in Freiheit und Recht der Kirche ein. Zum andern soll das autoritäre Führerprinzip gegen eine synodal-parlamentarische Tradition im Protestantismus durchgesetzt werden. Die Bekennende Kirche gibt sich sehr bewusst kollektive Leitungsgremien, die Bruderräte. In einer Selbstverpflichtung werden Bibel und Bekenntnisse als alleinige Grundlagen christlicher Orientierung genannt. Verbindlich dementsprechend keineswegs „andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“ wie Führer, Rasse oder Volk. Der vierte Punkt der persönlich zu unterschreibenden Selbstverpflichtung sagt: „Wir lehnen die Einführung des Arierparagraphen ab.“

Ein Drittel der etwa evangelischen 15.000 Pfarrer im Deutschen Reich schließt sich anfangs dem Pfarrernotbund bzw. der Bekennenden Kirche an. Während des Kirchenkampfes bleibt diese Zahl nicht in dieser Höhe. Die Mehrzahl der Gemeinden versucht, neutral zu bleiben, was auch eine politische Stellungnahme ist, die den Machthabern erlaubt, zu tun, was sie wollen. Gleichgültige oder MitläuferInnen sind Hilfstruppen für die herrschenden Kräfte. Eine Minderheit sammelte sich auf der Rechten bei den Deutschen Christen (DC).

Die Bekennende Kirche versucht, die Alternative zu lernen und zu leben – oft gegen eine eigene deutsch-nationale und staatstreue Erziehung. Im Mai 1934 – vor 75 Jahren – beschließt die Gründungssynode der Bekennenden Kirche in Barmen und ihr Grundgesetz: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist, ist das eine Wort Gottes, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben!“ In einer Zeit, wo ein allmächtiger Staat beanspruchte, die eine Stimme zu sei, der alle zu vertrauen und zu gehorchen haben, war das ebenso frei wie frech gesagt. Vor allem auch deswegen, weil sofort hinzugefügt wurde: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten anerkennen.“

Der Staat reagiert mit ersten Verhaftungen. Auch traditionelle Kreise in der Kirche, vor allem im lutherisch geprägten Teil, distanzieren sich von diesem Bekenntnis: Kann man nicht sauber die Bereiche auseinander halten, wo ich aus religiösen Gründen Gott gehorche und jene, wo ich mich als BürgerIn der Staatsmacht unterzuordnen habe? Die mühsam zu lernende Praxis in der Bekennenden Kirche zerstört jene simple Staatshörigkeit, die sich üblicherweise auf einen Halbsatz von Röm 13,1 „Seid untertan der Obrigkeit“ bezieht. Was Paulus aber in diesem Brief zur Regierungszeit des Kaisers Nero nach Rom schreibt geht ja weiter: Über jeder Obrigkeit, also über jedem Nero, regiert Gott. Ihm sind die Christinnen und Christen zuerst und allein verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es „Gutes zu tun“ und Liebe zu praktizieren. Der Staat hat die Aufgabe, so heißt es bei Paulus weiter, mit Sanktionen für Recht zu sorgen, Steuern soll auch die Christenheit zahlen – offensichtlich war das nötig zu sagen, denn die kleine christliche Gemeinde liest auf den Münzen, dass der Kaiser „Gott und Herr“ sein, ein Sohn Gottes, seine Mutter eine „Gottesgebärerin“. „Versteht euer Leben als ein lebendiges, heiliges und Gott wohl gefälliges Opfer und euer vernünftiger Gottesdienst besteht in einer Erneuerung eures Geistes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene!“ (Röm 12,1ff).

Ab 1933 beginnt die Christenheit in Deutschland häufiger den biblischen Satz ernst zu nehmen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (ApGesch 5,29). Die Machthaber sind als Menschen zu sehen, die an göttlich-menschlichen Werten zu messen sind. Das verbietet, sie als Heilsbringer zu sehen, die mit „Heil Hitler!“ zu respektieren wären. Freiheit und kritische Distanz verdanken sich dieser keineswegs billigen und keineswegs weit verbreiteten Einstellung.

Hitler schließt am 20. Juli 1933 ein Konkordat mit dem Vatikan ab, das der Weimarer Republik immer verweigert worden war. Drei Tage später wird der Versuch gestartet, die in 28 selbständige Landeskirchen zersplitterte Evangelische Kirche nicht nur zu einen (das war ein Wunsch in allen Flügeln der Kirche), sondern auch von innen her aufzurollen. Der Staat manipuliert massiv die überraschend angesetzten evangelischen Kirchenwahlen am 23. Juli 1933. Der Katholik Hitler selbst hält eine Wahlrede im neuen Massenmedium, dem Rundfunk, zugunsten der nazihörigen Deutschen Christen. Sie vertreten ein „artgemäßes“ Christentum, lehnen das Alte Testament, also den größten Teil der christlichen Bibel, als Judenbuch ab. Natürlich findet die Partei opportunistische Kandidaten, die deutschnational und staatshörig genug sind, die gewünschten Bischofsrollen auszufüllen. Man musste ja nicht Nazi sein, um den Nationalsozialismus servil zu fördern.

III

Das Beispiel Thüringen

Die Gleichschaltung der Thüringer Kirche, wo die Deutschen Christen besonders stark sind, beginnt, als das Thüringer Kirchenparlament (Ende April bis Anfang Mai) 1933 dem Antrag des Weimarer Studienrates Dr. Max Robert Gerstenhauer zustimmt, „Maßnahmen zu treffen, die zur Gleichschaltung mit dem nationalen Staat und der christlich-nationalen Erneuerungsbewegung erforderlich sind“. Die in Thüringen aktiven Religiösen Sozialisten um Erich Hertzsch und Emil Fuchs werden zum Auszug aus dem Kirchenparlament gezwungen.2

Die Thüringer Kirche, entstanden 1919 aus 7 bzw. 8 Territorialkirchen, zeigt die innerkirchliche „Machtübernahme“ deutlich. Eine nationale wie eine antilinke Grundstimmung, gekennzeichnet durch die Gefahr eines kirchenfeindlichen Sozialismus (der SPD!) und die Sehnsucht nach einem völkischen Erwachen aus der „Schmach“ von Versailles, bestimmen den Protestantismus kräftig mit. Der erste Landesbischof 1933, Wilhelm Reichard, sieht in der SPD-Regierung Thüringens eine der „Kirche drohende Peitsche“. Sein Nachfolger wird 1934 Martin Sasse, autoritär, Antisemit und treuer Gefolgsmann Hitlers. Deutschland judenfrei zu machen, fördert er dadurch, dass der „Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstitutes für die Geschichte des neuen Deutschland“ Personalangaben über kirchliche Mitarbeiter jüdischer Abstammung übermittelt werden und dass er eine Sammlung antijüdischer Äußerungen des alten Luther nach der Reichspogromnacht veröffentlicht. Die Thüringer Kirche unterstützt das 1939 im Festsaal der Wartburg gegründete „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Siegfried Leffler wird sein Leiter, prominenter Mitarbeiter der Neutestamentler Walter Grundmann. Julius Leutheuser wird 1942 Sasses Nachfolge als Bischof. Da er bei Stalingrad fällt, kann er das Amt nicht antreten. Aber es findet sich in den Reihen der Deutschen Christen in Landesjugendpfarrer Hugo Rönck ein Nachfolger. Bis zu seiner Verhaftung durch die Amerikaner am 30. April 1930 amtiert er im „unbedingten Einsatz für die Glaubenseinheit aller Deutschen im Geist nationalsozialistischer Weltanschauung! Vor allem steht zunächst der Kampf gegen heuchlerische Weltpriester für die seelische Widerstandskraft der Nation! Ein Reich – ein Volk – ein Führer – ein Gott – ein Glaube – ein Befehl!. Gehorsamst Rönck!“ telegraphiert er an Hitler.3 Biblisch steht dagegen „Ein Herr Christus, ein Glaube, eine Taufe und ein Gott, der Vater aller, der über allen ist.“ (Eph 4,4f).

In einem Sonderbericht des Reichssicherheitshauptamtes der SS4 heißt es am Jahresanfang 1935: „Es ist festgestellt, dass der Kirchenstreit von allen offenen oder versteckten Feinden des neuen Staates mit Freude begrüßt wird, weil sich ihnen hier Gelegenheit zur Opposition bietet.“ Mit Missbilligung wird vermerkt, dass „ausländische Staatsangehörige einen verhängnisvollen Einfluss ausüben.“ Genannt wird Karl Barth, „als religiöser Sozialist bekannt“, der im selben Jahr von der Bonner Universität verjagt wird. Dazu ein Schweizer Sprachforscher, Johann Albert Debrunner an der Universität Jena. Ihm wird angekreidet, „dass durch seine Schuld in dem bisher ruhigen Thüringen religiöser Streit entstanden ist.“ Beunruhigt wird notiert: Dessen „staatsschädliche Auswirkung“ zeige sich „in einer ständig sich steigernden Versammlungswelle“ mit „Zehntausenden von Volksgenossen für einzelne Kundgebungen“ in den Großstädten. Aber die Versammlungen der Bekennenden Kirche in Dörfern und Kleinstädten sind nicht weniger brisant. Thüringen wird offensichtlich als „bisher ruhig“ empfunden, weil dort die Machtübernahme durch die Deutschen Christen so gut gelungen war.

Für die Verbreitung der reichsweit verschickten Fürbittenlisten der Bekennenden Kirche ist in Thüringen der Bruderrat der „Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen“ verantwortlich. Sein Leiter, der Eisenacher Pfarrer Ernst Otto, ordiniert 1935 den Vikar Helmut Gollwitzer in Milbitz. Dieser kommt, wie die DC-Führer Julius Leutheuser und Siegfried Leffler, aus der Bayrischen Lutherischen Kirche. Gollwitzer wird verantwortlich für Fortbildung und die illegale Ausbildung jener jungen Theologen in Thüringen, die sich weigern, an den regimetreuen Universitäten oder unter dem Dach der gleichgeschalteten Kirchenleitungen sich ausbilden zulassen.

Gollwitzer ist Schlossprediger und Hauslehrer beim Prinzen Heinrich XXXIX Reuss, der einen Teil des Jahres mit Familie auf Schloss Ernstbrunn in Österreich, den anderen Teil auf Schloss Köstritz in Thüringen wohnt. Er ist aktives Mitglied der Bekennenden Kirche. Im Hause Reuss lernt Gollwitzer auch Martin Niemöller kennen, dessen Nachfolger in Berlin-Dahlem er später wird. 1935 wohnt Gollwitzer jetzt in Gotha bei dem anderen Leiter der Bekennenden Kirche, dem Gothaer Pfarrer Gerhard Bauer. Von dort schreibt er 1935, dem Jahr der Nürnberger Gesetze, in einem Rundbrief, dass sich immer mehr „die Auseinandersetzung mit dem heutigen Staat“ aufdränge, „der wir bisher in der Kirche aus dem Weg gegangen sind.“ Wenn die Kirche „schweige…zu Rechtsentwicklung. Konzentrationslager, Ariergesetzgebung“, dann versage sie wie in der sozialen Frage im 19. Jahrhundert.5

Rastlos reist er durch Thüringen. Die Atmosphäre illustriert gut die Auseinandersetzung um einen seiner Vorträge, die natürlich keine politischen Überschriften, sondern nur biblische enthalten durften. Ein Vortrag der „Bekenntnisgemeinschaft“ war angekündigt mit der Frage an den neu berufenen Jünger Jesu Philippus „Was kann aus Nazaret Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!“ (Joh 1,46) Gollwitzer erfährt eine wütende Entgegnung durch den Leiter der örtlichen Volkshochschule: „Wir Deutschen lehnen es heute ab, ins Judenland (nach Nazaret) zu gehen. Wir haben die Juden als unser Unglück (Heinrich Treitschke) erkannt. Wir suchen das Heil nicht mehr bei den Juden, sondern in unserer eigenen Art, in unserem Volkstum und bei unserem Führer!“6 1937 bekommt Gollwitzer Redeverbot in Thüringen. Niemöller – kurz vor seiner Verhaftung - holt ihn nach Berlin.

Ein anderer Namen ist noch zu nennen: Walter Sylten,7 geb. 1893 als Sohn eines Chemikers jüdischer Abstammung, der zum Protestantismus übergetreten war. Er leitet das Ev. Erziehungsheim für Mädchen in Bad Köstritz. Nach dem frühen Tod seiner jungen Frau darf er wegen der Nürnberger Gesetze seine neue Lebenspartnerin nicht heiraten. Er wird im Völkischen Beobachter, aufgrund seiner „judenfreundlichen“ Artikel in einer von ihm herausgegebenen Zeitschrift, 1935 widerlich angegriffen. Ein Jahr später beurlaubt ihn der Thüringer Innenminister, dann lässt ihn auch der Vorstand des Heimes fallen. In der DC-beherrschten Thüringer Kirche hat er keine Chance, aber auch andere Landeskirchen nehmen ihn nicht. Wohl aber die unangepasste Minderheit der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft. Sie überträgt ihm die Geschäftsführung dieses Zweiges der Bekennenden Kirche mit Sitz in Gotha. Aber schon 1938 wird er aus Thüringen ausgewiesen (Ausweisung bedeutet praktisch Berufsverbot außerhalb der BK und eine finanzielle Katastrophe). Es ist das Jahr, in dem der Landeskirchenrat der Thüringer Ev. Kirche eine Verfügung erlässt, die es den Pfarrern verbietet, Amtshandlungen an „nichtarischen“ Christen zu vollziehen. Diese Gemeindeglieder dürfen nicht getauft, konfirmiert, getraut oder beerdigt werden, sind also de facto aus der ev. Kirche auszuschließen. „Mein Kind darf nicht von der selben Hand eingesegnet werden, die auf einem jüdischen Kopf lag!“ So verweigert eine Mutter die Konfirmation ihres Kindes in einer Konfirmandengruppe, zu der ein Kind jüdischer Abstammung gehört.

Der damals ebenfalls aus der Erziehungsarbeit entlassene Pfarrer, später Propst Heinrich Grüber, holt Walter Sylten nach Berlin. Im Auftrag der Bekennenden Kirche wird das Büro Grüber aufgebaut, eine Einrichtung, die anfangs bei der Auswanderung von Juden hilft, später jede Form von Hilfe für Juden und Christen jüdischer Abstammung – von denen es über 400.000 im Deutschland gab. Grüber wird 1940 ins KZ Dachau gebracht, Sylten übernimmt die Leitung des Büros, das damals 28 MitarbeiterInnen in Berlin hatte und in etwa 25 Städten Filialbüros. 1941 wird Sylten ebenfalls ins KZ Dachau verbracht, Er wird krank und 1942 in der „Euthanasie“-Anstalt Hartheim bei Linz ermordet.

IV

Wer ist Paul Schneider?

Er wird am 29. August 1897 in Pferdsfeld im Hunsrück geboren. Seine Mutter, die Tochter eines Düsseldorfer Hotelbesitzers, sein Vater, rheinischer Pfarrer, Sohn einer Elberfelder Kaufmannsfamilie, sind völlig unterschiedliche Temperamente. Er streng und grüblerisch, sie von großzügiger und fröhlicher Natur. Die Wahrheitsliebe ist beiden ein hoher Wert. Der Vater gibt dem Sohn Paul als Konfirmationsspruch ein Wort von Jesus auf den Weg: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“ (Joh 18,37). Ein, sein Lebensthema ist damit angeschlagen, eine Haltung wird verpflichtend, für das als Recht und Wahrheit Erkannte bis zum letzten einzutreten. Noch ahnt niemand, was als „Letztes“ von einem aufrechten Menschen verlangt wird. Bei der Beerdigung des mit 42 Jahren in Buchenwald Ermordeten im Juli 1939 wird der Konfirmationsspruch des Vierzehnjährigen wieder im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen.

Nach dem Notabitur 1915 meldet er sich als Kriegsfreiwilliger. Aus dem Krieg kommt er mit dem Entschluss heim, Theologie zu studieren. In der christlich-jüdischen Tradition, verkörpert in Jesus Christus, scheint ihm eine Erbschaft aufbewahrt zu sein, die in Kirche und Gesellschaft lebendig zu halten sinnvoll ist. Das Reich Gottes als Reich der Wahrheit und der Gerechtigkeit, als Einladung, umzukehren von Lüge und Unrecht, gibt Paul Schneider eine oft skrupulös und immer neu zu gewinnende elementare Orientierung für sein berufliches Leben wie für das seiner Gemeinde. Eine Minderheit, die für diese Werte öffentlich eintritt, leistet einen humanen Beitrag auch für die Mehrheitsgesellschaft.

Noch ahnt er nicht, was das für seinen Lebensweg bedeutet. Nach dem Studium in Marburg, Gießen und Tübingen geht er nicht sofort ins Predigerseminar, sondern nach Hörde im Ruhrgebiet. Er will die soziale Situation der Arbeiter genauer kennen lernen. Die ungelösten sozialen Fragen sind ihm nicht gleichgültig. Sie sind Sprengstoff in der deutschen Gesellschaft und ein Manipulationsinstrument für Demagogen, die das Volk gewinnen, ihm aber weder helfen wollen noch können. Er arbeitet monatelang als zweiter Mann am Hochofen. Die biblische Wahrheit zu vertreten, wird ihm nicht leichter, aber verbindlicher. Es fällt ihm schwer, die dort erlebte Kameradschaft zu verlassen, aber sein kranker Vater braucht in seiner Gemeinde Hilfe.

Später wird er noch einmal aus der üblichen Laufbahn aussteigen und in der Stadtmission im Berliner Osten intensiv Sozialarbeit betreiben. Er lernt die Stärke einer kleinen, pietistisch geprägten Gemeinde schätzen. Kritisch wird er darüber urteilen, als ab 1933 dort keine klaren Entscheidungen für die christliche Wahrheit auch gegenüber den Lügen der Naziregierung riskiert werden. Man möchte unpolitisch bleiben. Eine Lebensmaxime, formuliert aus vielen Konflikten und Krisen, hält er einmal so in seinem Tagebuch fest: „Wenn du unentschlossen bist zwischen zwei Dingen, so wähle das dir weniger Bequeme!“8

In verschiedenen rheinischen Gemeinden ist er anschließend Vikar oder Hilfsprediger, bis er 1926 Nachfolger seines verstorbenen Vaters in Hochelheim bei Wetzlar wird. Vorher heiratet er Margarete Dietrich, die ihm in den kommenden schweren Jahren eine ebenso tapfere wie hilfreiche Mitstreiterin ist.

Im Dorf Hochelheim sieht er den Prozess fortschreitender Säkularisierung und Abwendung von der Kirche. In seinem Verständnis der Volkskirche ist der Pfarrer eines Dorfes auch für das geistige und kulturelle Leben des ganzen Dorfes verantwortlich – durch nichts anderes als durch Beispiel und Gespräch. Das ist für ihn ein Teil der „Kirchenzucht“, wie das altmodische Wort für eine Erziehungsarbeit heißt, die sich weigert, bestimmte Werte und Wahrheiten der Macht oder einem modischen Trend der Zeit zu opfern. Er sucht mit denen das Gespräch, die in Haltung und Lebenswandel den Werten der Bibel Hohn sprechen. Es wäre Heuchelei – auf ihrer und auf der Gemeinde-Seite – wenn sie z.B. am Abendmahl teilnehmen und mit einer nur formalen Christlichkeit eine völlig andere Lebenspraxis kaschierten. Mehrfache Gespräche und Besuche durch Presbyter (Kirchenvorsteher) und Pfarrer sollen helfen, ehrliche und gerechte Wege zu gehen. Sonst wird ihre nominelle Mitgliedschaft in der christlichen Gemeinde sowie ihr Tauf- und Konfirmationsbekenntnis zur öffentlichen Lüge, die etwas vortäuscht, was nicht existiert.

Das muss zum Konflikt führen, wenn man sich vor Augen führt, dass die allermeisten Mitglieder der NSDAP - von Hitler und Goebbels angefangen – selbstverständlich Mitglieder der Kirchen sind und bleiben. Die Kirchen üben keine „Kirchenzucht“. Sie versuchen unter eifriger Beschwörung von „positivem Christentum“ (so im Parteiprogramm der NSDAP), von „Herrgott“ und von „Vorsehung“ zwei widersprüchliche Wahrheitsansprüche zu einem mehr als faulen, aber durchaus gängigen Kompromiss zu verbinden. Der Kompromiss kompromittiert beide, lässt ängstlich das ehrliche Wort vermeiden, das offen gesprochen werden müsste. Die sog. Öffentlichkeit ist gefüllt mit Propagandalügen.

Zu Paul Schneider Lebenswahrheit gehört, dass jeder Mensch ein einmalig kostbares Ebenbild Gottes ist. Diese Würde ist nicht verhandelbar. Gegen diese Macht der Ohnmächtigen steht die Gewalt der Mächtigen und ihrer „Wahrheit“. Es gibt Herrenmenschen, Arier, Germanen, Deutsche, bestimmt zur Neuordnung der Welt. Und es gibt Untermenschen, die ausgerottet oder versklavt gehören wie Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, Ernste Bibelforscher sowie unsere slawischen Nachbarvölker. Die Einheit der Menschheit ist im Grundsatz zerrissen und damit auch die Menschlichkeit. Diese Wahrheit verlangt Unterwerfung und Anpassung. Sie ist – so die deutschen Jubelgesänge – in Gestalt des Führers, der aus allem Elend, sogar aus der Selbstverantwortung führt, dem deutschen Volk geschenkt worden.

Schneider sieht diese Entwicklung sehr kritisch. Schon 1932 geht bei der Gauleitung der NSDAP eine Beschwerde ein, weil Schneider sich zur Reichspräsidentenwahl öffentlich für Hindenburg und gegen Hitler ausgesprochen habe, Er kritisiert zugleich die „heidnisch-völkischen Strömungen“ in der Partei und die „unchristliche Haltung der Bewegung gegen Altes Testament und Judentum.“9

Aber dann erliegt auch er 1933 für kurze Zeit der alldeutschen Begeisterung. Er tritt im Frühjahr des völkischen Aufbruchs den Deutschen Christen bei. Er hat die Illusion, hier in seinem Sinn volksmissionarisch wirken zu können. Nach wenigen Wochen tritt er wieder aus, um sich sofort der Bekennenden Kirche anzuschließen. Er sieht, was gespielt wird. Im Gegensatz zu vielen Volksgenossen macht er sich nichts vor. Er macht aber auch die Erfahrung, dass Risse die Gemeinde spalten. Das Presbyterium, der Kirchenvorstand, durchweg die Honoratioren des Dorfes, steht gegen ihn, die Gemeinde ist auf seiner Seite.

Er übt Kritik, auch mit seinen Aushängen im Schaukasten der Gemeinde, an der Diffamierung biblischer und kirchlicher Wertvorstellungen durch die Partei, an der Einschränkung der kirchlichen Jugendarbeit, z.B. an der Eingliederung der Evangelischen Jugend in die Hitlerjugend Ende 1933 sowie natürlich an der Einführung des Arierparagraphen und des hierarchischen Führerprinzips in der Kirche.

In einer Predigt sagt er: „Es ist wohl keinem denkenden und aufmerksamen Christenmenschen entgangen, dass wir in unserer evangelischen Kirche zum Kampf, zum Zeugnis, zum Bekenntnis gefordert sind…Viele wollen sich gar mit der Kirche ganz der politischen Macht unterwerfen….Diese Praxis müssen sie freilich mit der Irrlehre unterbauen, dass nicht das Evangelium…allein, sondern Volkstum und Evangelium die Grundlagen der Kirche seien. Indem sie Blut und Rasse und Geschichte des Volkes als Offenbarungsquellen neben Gottes Wort stellen…fallen sie in Wahrheit ab von dem lebendigen Gott und seinem Christus.“ Schneider spricht öffentlich und deutlich. Denunzianten müssen sich keine Mühe geben. Die Kreisleitung der NSDAP schnaubt schon im Oktober 1933 „Dieser Mensch gehört in ein Konzentrationslager und nicht auf die Kanzel!“10

Nach wenigen Wochen soll er versetzt werden. Er weigert sich, umzuziehen. Er sei für diese Gemeinde ordiniert, d.h. beauftragt, für die Wahrheit Gottes von Liebe, Recht und Gerechtigkeit einzustehen. Schließlich ist er nicht länger zu halten. Er wird in die beiden Hunsrückdörfer Dickenschied und Womrath versetzt. Beide Kirchenvorstände dort stehen zu ihm, beide gehören wie er zur Bekennenden Kirche.

Als er vertretungsweise im Nachbardorf einen SA-Mann und einen Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes zu beerdigen hat, kommt es zu einer Konfrontation am Ende der kirchlichen Feier auf dem Friedhof. Dort sind neben den Dorfbewohnern und deren Familien alle Parteiformationen mit Farben und Fahnen aufmarschiert. Ehe der Pfarrer wie üblich den aaronitischen Segen spricht, tritt der Kreisleiter ans Grab und ruft, dass der Verstorbene nun in den „himmlischen Sturm Horst Wessels“ eingegangen sei. Paul Schneider tritt vor und sagt. „Ich weiß nicht, ob es in der Ewigkeit tatsächlich einen Sturm Horst Wessel gibt!“. Der Kreisleiter ruft erneut: „Kamerad Karl Moog, du bist tatsächlich in den Sturm Horst Wessel eingegangen!“ Laut protestiert Schneider gegen den Missbrauch einer kirchlichen Feier. Nach der Beerdigung geht er in die Kneipe, wo die SA sich zu treffen pflegt, um mit dem Kreisleiter direkt zu reden. Doch der war schon abgereist. Am Tag darauf wird Schneider verhaftet. „Schutzhaft“ heißt die Lüge mit der ein Staat sich gegen freimütige Bürger schützt, statt für sie da zu sein. Seine Gemeinde ist empört, 43 von 48 Haushaltungen unterschreiben einen Protest, auch die SA-Familien. „So wie wir für Vaterland und NS gekämpft haben, so kämpfen wir auch für Glauben und Kirche!“

Der enorme Rückhalt der Gemeinde ist wichtig – nicht nur für Paul Schneider, sondern auch für die bemerkenswerte Tatsache, dass mehr an Zivilcourage oder Handlungsfreiheit möglich ist als uns nach 1945 entschuldigend gesagt wird. Nach sechs Tagen wird er freigelassen.

Es ist das Jahr, in dem die Gestapo in einem Geheimbericht feststellen muss, dass die Mitglieder der BK ihre alten politischen Unterschiede zurück stellen. Obwohl sie aus verschiedenen politischen Richtungen stammten (wenig Linke, viele Anhänger der DNVP oder des Christlich-sozialen Volksdienstes) eint sie die Ablehnung der DC-Kirchenleitungen. Sie „haben keine innere Beziehung zum jetzigen Staat. Sie haben vielmehr die nationalsozialistische Bewegung bis in die jüngste Vergangenheit hinein mehr oder weniger bekämpft oder lächerlich gemacht.“11

Wenn Schneider öffentlich für das Recht eintritt, dann ist es nicht zuerst für sein persönliches Recht, sondern das der Menschen. Seine Gemeinde ist für ihn in der damaligen Zeit auch für Ethos und Recht des Volkes mitverantwortlich. Rechtsverletzung durch die Regierung gegenüber der Kirche und Gemeinde sind also auch Rechtsverletzungen gegenüber dem eigenen Volk. Das ist eine Konsequenz nicht nur seines Verständnisses von Wahrheit und Recht, sondern auch von einer Volkskirche, die Maßstäbe im und für das Volk setzt – durch nichts anderes als durch Wort und Beispiel. Die Wahrheit hat im Gegensatz zu Staat, Partei und Medien keine anderen Mittel.

Zwölf Anzeigen werden im Winter 1935/36 gegen ihn eingereicht. Er soll Hitler einen Teufel genannt und – im Jahr nach den Nürnberger Gesetzen - Juden versammelt haben. Er boykottiert wie seine Frau das, was sich 1936 „Reichstagswahl“ nennt, verweigert die Beflaggung der Kirche mit der Hakenkreuzfahne, verliest gegen das Verbot der DC-Kirchenleitung die Beschlüsse der BK-Synoden. Den Brief an Hitler des Reichsbruderrates der BK vom 28. Mai 1936, dessen Verlesung über 500 Pfarrer in Haft bringt, verliest er auch im Gottesdienst. Im Brief an Hitler, die zur öffentlichen Verlesung leider gekürzt wurde, steht z.B.:

„Wenn hier Blut, Rasse, Volkstum und Ehre den Rang von Ewigkeitswerten erhalten, so wird der evangelische Christ durch das erste Gebot gezwungen, diese Bewertung abzulehnen….Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe….Die Bewertung der Stimmzettel bei der letzten Reichstagswahl hat viele evangelische Christen in Gewissensnot gebracht. Sie ist darin begründet, dass der Nutzen des Volkes über die Wahrhaftigkeit gestellt worden ist….Das evangelische Gewissen, das sich für Volk und Regierung mitverantwortlich weiß, wird aufs härteste belastet, durch die Tatsache, dass es in Deutschland , das sich selbst als Rechtsstaat versteht, immer noch Konzentrationslager gibt und dass Maßnahmen der Geheimen Staatspolizei jeder richterlichen Nachprüfung entzogen sind….Unser Volk droht die ihm von Gott gesetzten Schranken zu zerbrechen: Es will sich selbst zum Maß aller Dinge machen. Das ist menschliche Überheblichkeit, die sich gegen Gott empört. In diesem Zusammenhang müssen wir dem Führer und Reichskanzler unsere Sorge kundtun, dass ihm vielfach Verehrung in einer Form dargebracht wird, die Gott allein zusteht.“12

Im selben Jahr 1936 wie dieser Brief erscheint Hans Globkes Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen, wonach alle Personen fremden Blutes automatisch vom Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen sind. Richard Strauss hatte sich zum Vorsitzenden der Reichsmusikkammer machen lassen. Deutschland und die Welt feiert die Olympiade in Berlin, Leni Riefenstahls Olympiafilm erhält wie ihr exzellenter Film zum Reichsparteitag 1934 die Goldmedaille der Biennale in Venedig. Die Naziregierung steht auf dem Höhepunkt ihrer Macht und Anerkennung.

V

Beginn der Haftzeiten

Die Konflikte in Schneiders Gemeinde spitzen sich zu. Langsam dämmert es, dass man nicht überzeugter Christ und zugleich aktiver Nazi sein kann. Ein Bauer, der an keinen Gemeindeveranstaltungen teilnimmt, zeigt Paul Schneider an. Er nennt den Beschluss des Presbyteriums, ihn nicht zum Abendmahl zuzulassen, einen „Boykott“. Das liefert einen Vorwand, Schneider endlich zu verhaften. Er kommt zunächst in Schutzhaft (31.5.37) und wird aus dem Rheinland ausgewiesen. Noch einmal wird er aus der Haft entlassen. Der Ausweisung gehorcht er nicht. Wieder fürchtet man den Protest der Freunde und Gemeinde.

Was er aus der sog. Schutzhaft in Koblenz noch für seine Kinder zum Trost dichten kann, das ist wenige Wochen später in der Welt des „Totenwalds“ (so Ernst Wiecherts etwas abgehobene Beschreibung seiner Haft in Buchenwald, die ihm seine Unterstützung Martin Niemöllers einbrachte) nicht möglich:

Der Wachtmeister gar grimmig schaut
und ist doch eine biedere Haut.
Er nimmt uns unter seine Hut,
und meint’s mit den Gefangenen gut.
So, geben Sie die Schüssel her,
weil diese noch zu spülen wär’,
und machen sie sich fertig dann
dass man spazieren gehen kann.“

Kaum ist er noch einmal frei, schreibt er an die Reichskanzlei in Berlin: „Ohne Rechtsgrund greift die Ausweisung erheblich in das Leben von Kirche und Gemeinde hinein…Pfarrer und Gemeinden sind hier darum gehalten, dem unrechten Verlangen und Gebot obrigkeitlicher Personen zu widerstehen…“13 Auch die beiden Presbyterien setzen sich in offiziellen Schreiben für seine Freiheit und das Verbleiben in der Gemeinde ein. Die Begründung für den Widerstand ist „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (ApGesch.5,29). In der Predigt weist Schneider nüchtern und offen darauf hin, „dass das Bekenntnis zu Jesus Christus uns etwas kostet, dass wir um seinetwillen …in Schmach und Verfolgung kommen müssen!“ Der letzte Gottesdienst in Dickenschied ist am Erntedankfest am 3. Okt. 1937. Auf dem Weg zum Nachmittagsgottesdienst in seiner 2. Gemeinde Womrath wird er verhaftet. Am 26. November 1937 wird er aus der Haft in Koblenz direkt ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert.

Das Jahr seiner (und Niemöllers) Verhaftung 1937 ist das Jahr, in dem Martin Heidegger aus der neuen Auflage seines großen Werkes „Sein und Zeit“ die Widmung an seinen, nach den Nürnberger Rassegesetzen, jüdischen Lehrer Eduard Husserl, streicht. Ungerührt von dieser Verbeugung vor der Gewalt steht in Stein gemeisselt über dem Hauptportal der Freiburger Universität das Wort des Juden Jesus von Nazaret „Die Wahrheit wird euch freimachen!“ (Joh 8,32). Dieses biblische Plädoyer für Freiheit und Wahrheitsliebe wird angesichts des Rauswurfs rassisch, politisch oder religiös Diffamierter aus den deutschen Universitäten zum schieren Zynismus. Einer der Lehrer von Paul Schneider, der Tübinger Theologe Karl Heim, tilgt in den Neuauflagen seines Hauptwerks in allen Fußnoten die Zitate des jüdischen Theologen und Philosophen Martin Buber.

In den Versammlungen der BK wird zum Favoriten unter den Chorälen das Lied:

„O Komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein.
Verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.
Unglaub‘ und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je,
…darum musst du uns rüsten mit Waffen aus der Höh’.
Es gilt ein frei Geständnis in dieser unserer Zeit,
ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit,
trotz aller Feinde Toben, trotz allem Heidentum
zu preisen und zu loben das Evangelium.“

VI

Der Prediger von Buchenwald

Unter miserablen Bedingungen hatten die Gefangenen täglich 14 bis 16 Stunden im Steinbruch zu schuften, auch Paul Schneider. Am 20. April 1938, an Hitlers Geburtstag, verweigert er den Gruß vor der Hakenkreuzfahne auf dem Appellplatz. Er behält die Mütze auf. „Dieses Verbrechersymbol grüße ich nicht!“ Er wird auf den Bock geschnallt, erhält 50 Peitschenhiebe und kommt blutüberströmt in den sog. Bunker. Hier blieb er, bis auf wenige Tage im Mai 1938, bis zu seiner Ermordung, 14 lange Monate.

Schnell bringt man ihn nicht zum Verstummen. Was er immer tut, tut er auch hier. Er spricht die Leute an. Den Aufsehern und dem Kommandanten des Lagers sagt er: „Dass ich Juden, die ja zur Zeit meine Nächsten sind, in Schutz nehme, ist meine Pflicht. Ich bitte Sie, Herr Obersturmbannführer, entlassen Sie alle Juden und ich bin wieder beruhigt!“ Man bietet ihm an, ihn zu entlassen, wenn er unterschreibt zu schweigen. Seine Antwort heißt: Ein Zeuge der Wahrheit zu sein, heißt für ihn, die Dinge beim Namen zu nennen. Durch das kleine Fenster seine Zelle ruft er, bis er unter Peitschenschlägen des Arrestaufsehers SS-Hauptscharführers Martin Sommer zusammenbricht, „Kameraden, hört mich, Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. Betet zu Gott. Bleibt standhaft und treu!“14

Hasso Grabner15, ein kommunistischer Mitgefangener, widmet ihm viele Zeilen des Respekts, aus denen ich einige zitiere:

„Wenn einer von ihnen
des Trostes bedürftig war,
so er, der so gänzlich bloß
dem Eiskalten gegenüber stand,
und so erschienen
von seiner Zelle gitterkreuztragendem Altar
die tröstenden Worte unerhört groß,
von denen ein jedes den Bruder fand.

Alle kannten ihn,
den unerschrockenen Streiter,
den unbeugsamen
Schrecken seiner feigen Feinde.
Die Schutzhaftakten nannten ihn
Paul Schneider
mit Namen,
Pfarrer in einer Hunsrück-Gemeinde.

Zehntausende hören
wie dich die Nilpferdpeitschen zusammenschlagen,
getreuer Freund, unendlich tapferer, guter,
und deine Stimme im Schmerz verweht
und schwören:

nie wird es nötig sein, mahnend zu fragen:
Mensch – wo ist dein Bruder?
Weil er heute und immer neben uns steht.
…
Ihr Lieben hört, was die Stimme der Todeszelle spricht,
vergeßt es nicht – Brüder, vergeßt es nicht,
damit nicht noch einmal gefragt werden wird:
Mensch, wo ist dein Bruder?“

In einem Tatsachenbericht der Kommunistischen Partei Deutschlands (vom selben Autor) heißt es: „Unter all den Tapferen, die bis in den Tod getreu waren, bist du nicht der Letzte, Pfarrer Schneider. In Ehrfurcht und Bewunderung haben wir, deine Kameraden, die heroische Sittlichkeit deines Herzens empfunden. Wenn wir auch unter einem anderen Gesetz antraten zum Kampf gegen die faschistische Bestie, wenn wir auch die Erlösung von dem Übel nicht im Christentum sahen, sondern im Kampf um eine diesseitige bessere Welt, so warst du uns doch wahrhaft ein Bruder und wir dir in brüderlicher Liebe zugetan!“16

Der Lagerkommandant Koch weiß, dass Schneider außerhalb des Lagers nicht ganz vergessen ist. Er möchte ihn, wie andere auch, loswerden. Er bietet ihm an, ihn zu entlassen: „Nur eine kleine Formalität: Unterschreiben sie diesen Revers, dass sie sich in Zukunft dem nationalsozialistischen Staat gegenüber loyal verhalten werden, dass Sie nichts über das Lager erzählen, dass Sie jede staatsfeindliche Äußerung oder Handlung sofort der Gestapo melden, und Sie können noch heute nach Hause fahren!“ Schneiders Antwort ist im oben angeführten Bericht der KPD so überliefert: „Der erste Bordstein Weimars wird die Kanzel, von der ich Ihre unsagbaren Verbrechen dem ganzen Volk predigen werde!“17

VII

Die Ermordung

Das Ende von Paul Schneider wird in der ersten Analyse des nationalsozialistischen Systems (begonnen 1945) von Eugen Kogon18, christlicher Gewerkschafter und Mitgefangener Schneiders, berichtet:

Paul Schneider wurde in den Bunker gesperrt, nachdem er für seine freimütigen Rufe aus dem Zellenfenster jedes mal von Sommer geschlagen. „Später war die Zelle Schneiders ständig verdunkelt. Auf dem Boden stand das Wasser fünf Zentimeter hoch, die Wände waren völlig nass. Der Pfarrer durfte sich während seiner ganzen Bunkerhaft niemals waschen, er wurde auch niemals zum Baden geführt, wie es bei anderen Arrestanten der Fall war. Infolgedessen waren seine Kleider völlig verlaust, am ganzen Körper hatte er bis zu faustgroße Löcher von Schlägen. Die Wunden eiterten ständig, da er selbstverständlich kein Verbandszeug erhielt. Es ist beinahe unfassbar, dass ein Mensch ein derartiges Martyrium so lange aushalten konnte….Schneider erhielt nur in ganz unregelmäßigen Abständen zu essen, sodass er zum Skelett abgemagert war. Als es Sommer schließlich doch zu lange dauerte, gab er ihm eines Tages ein Herzlähmungsmittel in das Essen. Da der Pfarrer aber immer, wenn er etwas erhielt nur ganz wenig aß, wirkte das Mittel nicht.“
Sommer ließ ihm schließlich vom Lagerarzt mit fünf Strophantin-Spritzen ermorden.

„Noch am Tag vor seinem Tod wurde er von Sommer mit dem Ochsenziemer geprügelt. Die Witwe des Getöteten wurde durch ein Telegramm des Lagerkommandanten vom erfolgten Tod verständigt. ‚Überführung auf eigene Kosten gestattet‘ hieß es, ‚sonst Einäscherung‘. Frau Schneider fuhr sofort mit einem Begleiter nach Weimar und bat ihren Mann noch einmal sehen zu dürfen. Nach einigen Verhandlungen wurde dies gestattet. Während dieser Zeit war die Leiche von einem SS-Friseur geschminkt und von zwei Häftlingen in der Truppengarage aufgebahrt worden; um den Kopf lag Blumenschmuck. Frau Schneider wurde von dem Inspekteur der Politischen Abteilung Schött, Dr. Ding und Lagerführer Rödl mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen. Als sie vor der Bahre Abschied genommen und ihr Begleiter am Sarg ein Vaterunser gebetet hatte, versicherten ihr die SS Führer, die dabei standen, ihr Mann hätte unter der Bedingung jederzeit freigelassen werden können, dass er mit der Ausweisung aus seiner Gemeinde im Rheinland einverstanden gewesen wäre. Im Lager verbreitete es sich alsbald, der Kommandant Koch habe Frau Schneider sagen lassen, ihr Mann sei sein bester Häftling gewesen und gerade zu dem Zeitpunkt an Herzschlag gestorben, als ihm seine Entlassung mitgeteilt werden sollte.‘“

VIII

Paul Schneiders Erbe, unbequeme Wege der Wahrheit zu gehen

1.
Anwälte der Wahrheit aus christlicher Motivation lieben das Leben, das der Anderen wie das eigene. Dietrich Bonhoeffer und Paul Schneider stehen dafür. Eine Allmacht beanspruchende Gewalt macht sie zu Märtyrern. Jan Hus schreibt vor seiner Ermordung in Konstanz 1415: „Deshalb, treuer Christ, suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit bis zum Tod. Denn die Wahrheit macht dich frei von der Sünde, dem Teufel, dem Tod der Seele und endlich vom ewigen Tod.“19 Auf der Präsidentenflagge der 1918 gegründeten, von den Deutschen ab 1938 zerstörten Tschechoslowakischen Republik steht die Forderung, in der Wahrheit zu leben. Vaclav Havel, einer der Initiatoren der „Samtenen Revolution“ 1989, veröffentlicht sein Plädoyer für Freiheit und Wahrheit 1978 unter den Titel: „Versuch, in der Wahrheit leben!“ 20

2. Es gibt Wahrheiten, die nur deshalb menschlich und lebendig werden oder bleiben, weil Menschen sie in ihrem beruflichen Alltag vertreten. Galileo Galilei hat zu Recht widerrufen: Für eine naturwissenschaftliche Wahrheit muss man nicht sein Leben einsetzen. Die setzt sich auch gegen Machtinteressen und Leugnung durch. Eine Wahrheit, die Ehrfurcht vor dem Leben und die Würde des Menschen verwirklichen sowie Gerechtigkeit und Liebe fördern will, braucht Menschen, die sie im wahrsten Sinn des Wortes ver“körpern“.

3. Unterdrückung und Unrecht verschwinden nicht von selber. Ihnen zu widersprechen und an ihrer Beseitigung mit zu arbeiten, wird von Paul Schneider öffentlich und sehr früh benannt und vertreten. Die Zeit heilt die Wunden des Unrechts und der Lüge nicht, sie fördert nur eine ausredenreiche Haltung, sich an sie zu gewöhnen.

4. Nonkonformistische Menschen sind schwer aus- oder gleichzuschalten. Sie müssen nicht zu Märtyrern werden, wenn sie in ihren Umfeld Gruppen, Gemeinden, und Institutionen finden, die sie stärken und verteidigen. Paul Schneiders kleine Gemeinden verschafften ihm so auch Freiheiten.

5. Menschen wie Paul Schneider posthum zu feiern ist leichter als zu ihren Lebzeiten zu ihnen zu stehen sowie sie in ihrer Analyse der Situation, in ihrer Kritik an Fehlentwicklungen und in ihrem Protest gegen Unrecht und Lüge zu unterstützen.

6. Märtyrer will niemand werden. Man wird es aber nicht nur durch Minderheit gewaltbereiter Machthaber, sondern auch durch die Mehrheit derer, die wegsehen und/oder gleichgültig gegenüber Lüge und Unrecht sind. Martin Luther King schreibt aus dem Gefängnis, dass nicht „nur die ätzenden Worte und schlimmen Taten der schlechten Menschen zu bereuen seien, sondern auch das furchtbare Schweigen der Guten.“21

7. Paul Schneider gehört zu den Menschen, der aus christlicher Verantwortung das politische Leben, d.h. auch den alltägliche Umgang von Menschen mit Menschen, nicht den Politikern überlassen. 

1 Die Vortragsform ist beibehalten. Entscheidende Grundlage des Vortrags ist der zuerst 1953 von Paul Schneiders Witwe Margarete veröffentlichte Bericht „Der Prediger von Buchenwald. Das Martyrium Paul Schneiders“, mit einem Vorwort von Heinrich Vogel (Berlin 1953). Von diesem bewegenden Buch erschienen über zwölf Auflagen, darüber hinaus Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Inzwischen ist der Band, umfangreich erweitert durch neu zugänglich gewordene Dokumente, im Auftrag der Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft durch deren Vorsitzende, Elsa-Ulrike Ross, und Paul Schneiders Neffen, Paul Dieterich, herausgegeben (Holzgerlingen 2009), neu erschienen. Dort alle einschlägige Literatur.

2 Ich folge hier der Arbeit von Thomas A. Seidel, Die evangelische Landeskirche Thüringens 1919 bis 1989 (und der dort angegebenen Literatur), In: Manfred Gailus und Thomas Krogel (Hg), Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche im Nationalen. Berlin 2006. Hier: S. 335f.

3 A.a.O. S. 338.

4 Heinz Boberach (Hg), Berichte der SD und der Gestapo über Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1933-1944, Mainz 1971, S. 66ff.

5 Helmut Gollwitzer, Skizzen eines Lebens, Aus verstreuten Selbstzeugnissen gefunden und verbunden von Friedrich-Wilhelm Marquardt, Wolfgang Brinkel und Manfred Weber, Gütersloh 1998, S. 82.

6 A.a.O. S., 107.

7 Zur Biographie: Bruno Köhler, „Die Welt braucht viel, viel Liebe“, Werner Sylten, Leipzig 1978. Vor allem: Hartmut Ludwig, An der Seite der Entrechteten und Schwachen. Zur Geschichte des „Büro Pfarrer Grüber“ 81938 bis 1940). Ev. Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte nach 1945. Berlin 2009. Hier auch eine Biographie Syltens und weitere Literatur. .

8 Zitiert in Albrecht Aichelin, Paul Schneider. Ein radikales Glaubenszeugnis gegen die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus, Gütersloh 1994, S. 41.

9 Zitiert nach Björn Mensing / Heinrich Rathke (Hg), Mitmenschlichkeit. Zivilcourage. Gottvertrauen, Evangelische Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus. Leipzig 2003, S. 53.

10 A. Aichelin, S. 79 und 80.

11 Klaus Drobisch und Gerhard Fischer (Hg), Ihr Gewissen gebot es. Christen im Widerstand gegen den Hitlerfaschismus, Berlin 1980, S. 66f.

12 Joachim Beckmann (Hg), Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1933-1944. Gütersloh 1948, S. 133ff.

13 Aichelin S. 201f.

14 Mensing a.a.O. S. 56,

15 Hasso Grabner, Der Takt liegt auf dem linken Fuß. Gedichte. Berlin 1958, S. 30f.

16 Zitiert in: Bernhard Heinrich Forck, Und folget ihrem Glauben nach. Gedenkbuch für die Blutzeugen der Bekennenden Kirche, Stuttgart 1949, S. 43. Und in: „Ihr Gewissen gebot es…“S. 58.

17 „Ihr Gewissen gebot es…“ S. 60.

18 Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Frankfurt am Main 1946, S. 206f.

19 Renate Riemeck, Jan Hus, Reformation 100 Jahre vor Luther, Frankfurt am Main 1966, S. 5.

20 Vaclav Havel, Versuch, in der Wahrheit zu leben, Essay, Reinbek bei Hamburg, 1980.

21 Martin Luther King, Freiheit, Kassel 1964, S. 194.

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