Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 1. 9. 2009

Die Wahrheit ist tödlich für Lügen

Predigt von Martin Stöhr

Zum Gedenken des deutschen Überfalls auf Polen vor 70 Jahren fand am 31. August 2009 in der Bergkirche Wiesbaden ein Stadtgottesdienst statt. Wir dokumentieren die Predigt von Martin Stöhr über Sacharja 8,16.

Das ist’s aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem anderen Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren.

I

Die Wahrheit ist tödlich für Lügen. Lügen bereiten das Verachten und Töten von Menschen vor. Lügen haben keineswegs kurze Beine, wie das Sprichwort sagt. Mit langen Beinen ziehen sie über andere Länder und Kulturen her. Und Lügen haben oft auch schöne Beine. Viele bewundern sie und befreunden sich mit ihnen. Sie gedeihen besonders prächtig im Urteil über andere Völker.

Zu den Lügen gehört die Dummheit, die nicht wissen will, was jeder und jede wissen kann. Von dieser Dummheit schreibt Dietrich Bonhoeffer 1943, dass “die Macht der einen die Dummheit der anderen braucht“. Und er fügt hinzu: Diese Dummheit erlauben sich auch die sehr gescheiten Menschen, wenn si auf kritisches Fragen und auf Zivilcourage verzichten. Sie nehmen Unrecht erst wahr und nennen es erst dann beim Namen, wenn es sie selber trifft. Trifft es andere, ist wegschauen oder schweigen fürs eigene Durchkommen bekömmlicher. Dann verweist man gern darauf, wie machtlos oder unzuständig man sei.

Lügen stehen am Anfang des Zweiten Weltkrieges, Lügen, in denen unsere östlichen Nachbarn sowie das jüdische Volk “Untermenschen” genannt wurden. Unser Volk belog sich selber mit der Einbildung, zur “Herrenrasse” zu gehören, dazu bestimmt, mit deutscher Gewalt “Europa neu zu ordnen“. Mit diesem Wahn war es leichter, die Vernichtung oder Versklavung unserer Nachbarn widerspruchslos hinzunehmen oder mitzumachen.

II

Sacharja gehört zu den Propheten, die im 6. Jahrhundert vor Christus öffentlich auftreten. Propheten sind ungeheuer kritische Beobachter der eigenen Gesellschaft. Sie weisen deutlich auf Missstände und deren oft verdrängte Folgen hin. Sie sind alles andere als Wahrsager, sie sind Wahrheitssager. Was Sacharja sagt, wird in der jüdischen Bibel festgehalten, weil dergleichen offensichtlich immer wieder neu zu lernen und einzuüben ist. Der größte Teil unserer christlichen Bibel besteht aus der jüdischen Bibel, die oft etwas herablassend “Altes Testament” genannt wird. Dieses Buch gehört zu den elementaren Wegweisern der Humanität. Diese ist in der einmaligen Würde und Verantwortung eines jeden Menschen begründet. Er ist in jedem Exemplar ein kostbares, verletzliches Ebenbild Gottes.
In sieben phantastischen Visionen zielt Sacharja auf eine Welt, in der das persönliche wie das gesellschaftliche Leben sich an Wahrheit, Recht und Frieden orientieren. Das sind die entscheidenden Fundamente für ein menschliches Leben.

Zwei von den sieben Visionen will ich in ihrer poetischen Bildersprache uns vor Augen malen: Sacharja spricht selbstkritisch davon, wie im eigenen Volk das Recht der Stärkeren die Stärke des Rechts verdrängt. Die Folge: Die Hauptstadt Jerusalem ist zerstört, die Bevölkerung durch Nebukadnezar nach Babylon deportiert. Aber mit der Katastrophe ist die Geschichte nicht zu Ende. Unfreiheit und Gewalt sollen nicht das letzte Wort behalten. Der Gott Israels und der Völker macht Neuanfänge möglich.

Sacharja sieht in einer Vision den Anfang eines guten, vorher undenkbaren Zusammenlebens. Wo die Wahrheit über die eigene geschichtliche Verantwortung ausgesprochen wird, wird gute Nachbarschaft möglich. In den Worten Sacharjas: “Dann wird ein jeder seinen Nachbarn unter seinen Weinstock und unter seinen Feigenbaum einladen!“ (3,10). Seine Vision zielt auf ein menschliches Zusammenleben anstelle von Hegemonie und Unterdrückung.
In einer anderen Vision sieht der Prophet einen siebenarmigen Leuchter mit zwei Ölbäumen. Auf die Frage “Weißt du, was das bedeutet?” lädt ihn die Antwort zu einem mutigen Verzicht auf Gewalt ein: “Nicht durch Kraft oder Stärke, sondern durch meinen Geist” (4,6), spricht Gott durch seinen Boten. Dieses Sacharja-Wort steht auf dem siebenarmigen Leuchter vor dem israelischen Parlament. Ihn schuf der aus Frankfurt am Main vertriebene jüdische Bildhauer Benno Elkan. Die britische Labour-Party stiftet die Menora 1949 als “Geschenk des ältesten Parlaments an das jüngste” in Jerusalem. Das Sacharja-Wort formuliert eine Lektion, die heutzutage keineswegs nur Israel zu lernen hat.

Die Geschichte des jüdischen Volkes ist auf dem siebenarmigen Leuchter abgebildet, die Zerstörung Warschaus, der Widerstand und Vernichtung des jüdischen Ghettos in Warschau 1943. Hoffnung stiftende Visionen fehlen keineswegs. Sie zielen auf ein konkretes Verhalten, das dem Geist Gottes entspricht. Sacharja erläutert die entsprechende Lebenspraxis (7,9f) so: “Sprecht gerechte Urteile und übt Gnade und Barmherzigkeit, unterdrückt weder Witwen und Waisen, noch die Fremden und Armen, denkt euch kein Unheil gegen den Nächsten aus!” Der biblische Glaube traut seinen Leuten zu, solche Wege persönlich und politisch zu gehen.
Resigniert bemerkt Sacharja zuerst: Die Leute sind „schwerhörig und so machten sie aus einem schönen Land eine Wüstenei!” Gegen jede Schwerhörigkeit, gegen jede Versteinerung des Gewissens, gedenken wir, erinnern uns heute, was war und an das, was sein könnte. Wenn Gott seine humanen Ziele mit seiner Menschheit nicht aufgibt, wie können wir dann aufgeben?

III

Wahrheit nicht zu verschweigen, bedeutet, sich schmerzlichen Tatsachen zu stellen. Nur so haben Recht und Frieden heute und für eine menschlichere Zukunft eine Chance. Billiger ist Gedenken nicht zu haben. Sacharia verlangt, das Recht und die Wahrheit “in euren (Stadt-)Toren” zu suchen, dort, wo Inländer und Ausländer, die Reichen und die Armen alle vorbeikommen; also in der Öffentlichkeit der Städte oder Dörfer, dort, wo Recht gesprochen und Frieden geschlossen wird. Drei Beispiele aus der deutschen Geschichte, sich den notwendigen Wahrheiten zu stellen, will ich nennen.
Der deutsche Überfall auf Polen vor 50 Jahren hat eine lange Vorgeschichte, ehe ein vom deutschen Volk gewählter und bejubelter “Führer” in die Mikrophone brüllt: “Ab 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!” Als ob Polen Deutschland überfallen hätte.

1. Beispiel:
Einen Tag später veröffentlicht die die stark von den nazihörigen „Deutschen Christen“ mitbestimmte Deutsche Evangelische Kirche einen wenig kritisierten Aufruf, in dem es heißt: “Seit dem gestrigen Tag steht unser deutsches Volk im Kampf für das Land seiner Väter, damit deutsches Blut zu deutschem Blut heimkehren darf…So vereinigen wir uns auch in dieser Stunde mit unserem Volk in der Fürbitte für Führer und Reich, für die gesamte Wehrmacht…Gott helfe uns, dass wir treu erfunden werden, und schenke uns einen Frieden der Gerechtigkeit.” Ich zeige weder billig noch hämisch auf die Grosseltern-Generation. Ich frage nur: Wo erlaube ich mir heute ähnliche Kritiklosigkeig und Anpasungsbereitschaft?

Soll ein Gedenktag wie heute und morgen mehr als eine Pflichtübung sein, dürfen die Gedanken und Gedankenlosigkeiten nicht vergessen werden, mit denen in unserem Volk Polen verachtet wurden. Es muss Wahrheit geredet werden. Ein Verbrechen wie dieser Krieg kommt nicht von heut’ auf morgen. Z.B. formuliert 1861 Otto von Bismarck eine in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitete Meinung, wenn er schreibt: “Haut doch die Polen, dass sie am Leben verzagen; ich habe alles Mitgefühl für ihre Lage, aber wir können nicht anders, wenn wir bestehen wollen, als sie ausrotten. Der Wolf kann auch nichts dafür, dass er von Gott geschaffen ist, wie er ist, aber man schießt ihn doch dafür tot, wenn man kann!”

Der Zeitpunkt des Totschießens kam 1939. Die Zerstörung des Friedens und der Bruch des Rechts sind lange vorbereitet, ehe sie geschehen. Hitler kündigte (am späteren Schoa-Gedenktag!) am 27. Januar 1932 vor dem Industrieclub in Düsseldorf die Lösung der “Raumfrage” - wie er das nennt - an. Sie bedeutet “Expansion nach Osten“, denn “ein Volk (muss), um bestehen zu können, seine Kraft nach außen wenden!“. Alle deutschen Medien veröffentlichen seine Pläne.
Seit 1772 hatten Polens Nachbarn – Preussen, Österreich und Russland - Polen dreimal unter sich aufgeteilt und von der Landkarte verschwinden lassen. Hitler und Stalin taten es trotz eines Nichtangriffspaktes 1939 noch ein viertes Mal.

2. Beispiel:
Der Leiter der Gedenkstätte im früheren deutschen Vernichtungslager Majdanek, der polnische Historiker Tomasz Kranz, erinnert in einem Buch über “die Verbrechen des Nationalsozialismus im Geschichtsbewusstsein in Deutschland und Polen” (Lublin 1998) dankbar an das Schuldbekenntnis der Ev. Kirche in Deutschland vom Oktober 1945 Es habe auf die Ursache des Zweiten Weltkrieges hingewiesen: Nicht durch andere, sondern “durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden!“ 1945 wollen das wenige hören. Proteste und Kirchenaustritte häufen sich. Tomasz Kranz registriert, dass Martin Niemöller wie der Philosoph Karl Jaspers und wie Alexander und Margarete Mitscherlich, die von der “Unfähigkeit zu trauern” sprechen, damals nur “Missbilligung, Empörung und Aggression” geerntet hätten. Die Mehrheit der Deutschen habe vergessen wollen.

3. Beispiel:
Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlicht 1965 als erste Kirche eine Denkschrift für ein neues Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. Die sog. Ostdenkschrift bricht ein Tabu. Sie will nicht Recht haben, sondern dem Recht in Gestalt von Völkerrecht und Menschenrechten zum Durchbruch verhelfen. Sie hilft einer Ostpolitik unter Willy Brandt, die wie mit dem Westen auch mit dem Osten Versöhnung sucht. Sie spricht auf der einen Seite von dem unvorstellbaren Leid, das deutsches Militär und ihre rassistische Herrschaftsbürokratie über Polen und das jüdische Volk gebracht haben. Sie nennt aber auch die schrecklichen Folgen. Flucht und Vertreibung schlagen auf das deutsche Volk selbst zurück. Zugleich wird mitten im Kalten Krieg - gegen alle damalige Propaganda “Schlesien bleibt unser!“ oder “Ostpreußen bleibt deutsch!“, gegen alles Aufrechnen von Auschwitz gegen Dresden - nach vorne geschaut.
Es wird in dieser Denkschrift ehrlich gesagt: Wer den Krieg mit weit über 50 Millionen Toten, meistens Zivilisten, anfängt, hat die Folgen zu verantworten. Es gelte, endlich die Oder-Neisse-Grenze als deutsche Ostgrenze und polnische Westgrenze anzuerkennen. Die aus Ostpolen in das frühere Ostdeutschland vertriebenen Polen dürfen nicht noch einmal verjagt werden - genau so wenig wie den deutschen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen die volle Integration verweigert werden darf. Nur diese Wahrheit schafft neues Recht und einen neuen Frieden zwischen alten Nachbarn. Wieder gibt es zahlreiche Kirchenaustritte.

IV

Ein Neuanfang mit den Nachbarn im Westen wie im Osten und mit dem jüdischen Volk ist inzwischen gemacht. Noch sind wir am Anfang. Aber es gibt wichtige Brücken: Jugendaustausch und Besuche, Kulturaustausch und Handel, nicht zu vergessen “Aktion Sühnezeichen Friedensdienste” sowie “Zeichen der Hoffnung - Znaki Nadziei”.
Aber Lügen über fremde Kulturen und Religionen, völkisch-rassistische Töne sind hierzulande keineswegs verstummt. Zur Regelung von Konflikten wird mehr auf Militär gesetzt anstatt Völkerrecht und Menschenrechte zu stärken. Die Rettung von Konzernen und Banken in den reichen Ländern der Welt ist wichtiger als die im Jahr 2000 feierlich von den grossen Industrienationen versprochene Halbierung der Millionenzahl von Verhungernden und Armen.

V

Das ist’s aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem anderen Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren.

1993, 50 Jahre nach der Vernichtung des Warschauer Ghettos, höre ich in Warschau dem Arzt Dr. Marek Edelman zu, dem letzten Vizekommandeur des Ghettoaufstandes und Teilnehmer am polnischen Aufstand 1944 gegen die deutsche Besatzung. Er spricht von seiner bitteren Enttäuschung, dass es nach 1945 doch wieder Kriege und Völkermord, immer noch Rassismus und Antisemitismus, immer wieder Gewalt und Nationalismus gebe. Nach einem langen Schweigen fügt er dann hinzu: “Aber wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, eine soziale Bewegung, die widerspricht, die nicht schweigt, die keine Ungerechtigkeit, keinen Hunger, keinen Genozid zulassen will, dann hat unsere Erde eine Chance. Dann gibt es Hoffnung.“ Wer gedenkt, wer sich wahrhaftig erinnert, gehört zu den Hoffnung stiftenden Menschen und Gruppen. Sie treten gegen Lügen für Wahrheit, gegen Unrecht für Recht sowie gegen Gewalt für Frieden ein. Wir wollen dazu gehören.
Amen, auf Deutsch: Das werde wahr!

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